Berlin : Charité-Schwester bedauert Tötungen

Der Mordprozess gegen Irene B. begann: Kollegen schöpften früh Verdacht – schritten aber nicht ein

Katja Füchsel

Vielleicht kann Irene B. gar nicht anders. Als Krankenschwester hat die Frau mit dem hageren Gesicht über Leben und Tod ihrer Patienten entschieden, und auch jetzt, des Mordes angeklagt, ergibt sich die 54-Jährige nicht in ihr Schicksal. Gleich den ersten Zeugen nimmt Irene B. selbst in die Mangel, erhebt sich im Saal 500 des Moabiter Kriminalgerichts, schaut zu ihrem einstigen Kollegen herab und fragt mit leiser Stimme: Warum er nichts gesagt habe, als ihm der erste Todesfall komisch vorkam? – Weshalb er sie nicht angesprochen habe? – Ob er nicht mit einer ehrlichen Antwort hätte rechnen können? André S. schluckt, zuckt mit den Schultern. „Ich weiß es nicht“, sagt der 42-jährige Krankenpfleger schließlich. Irene B. nickt zufrieden, bevor sie sich wieder setzt.

Gerade erst hat Irene B. zugegeben, dass sie vier ihrer Patienten auf der Intensivstation der Charité eine Todesspritze verabreicht hat. Heute bedauere sie das, sagt die Krankenschwester. „Ich werde dafür büßen müssen.“ Aber vorher scheint sie noch beweisen zu wollen, dass sich auch andere schuldig gemacht haben, die Schwestern auf der Station, die Pfleger, die Ärzte. Die meisten ihrer Kollegen hatten bei der Polizei nicht viel Schmeichelhaftes über Irene B. zu erzählen, nachdem die Todesserie im Oktober 2006 aufgeflogen war: Unbeliebt sei sie gewesen, wegen ihrer „ruppigen Art“, ihres „schnippischen Tons“ und ihres „wunderlichen Verhaltens“. „Rein menschlich wirkte sie seit zwei Jahren kaputter, ausgebrannter“, sagt Krankenpfleger Gunnar S. im Zeugenstand. Er habe das aber nicht auf die berufliche Situation von Irene B., sondern auf ihre Scheidung zurückgeführt.

Todesengel, Schwester Mord – so haben sie Irene B. in den Boulevardzeitungen genannt. Der Staatsanwalt wirft ihr vor, seit dem Juni 2005 sechs schwer kranke Menschen im Alter von 48 bis 77 Jahren mit einer Überdosis Medikamenten getötet zu haben. Zwei weitere Patienten sollen die Giftspritze überlebt haben. Irene B. habe „aus Machtwillen“ gehandelt, sagt der Ankläger, sich als „Herrscherin über Leben und Tod“ aufgespielt. Was die Angeklagte bestreitet: „Ich bin davon ausgegangen, dass mein Handeln dem Willen der Patienten entsprach“, lässt Irene B. am ersten von vier geplanten Prozesstagen über ihren Anwalt erklären. Vier Fälle gesteht, vier bestreitet sie.

Die Gerüchteküche brodelte schon lange auf der Station. Spätestens seit August 2006, als dem Krankenpfleger André S. der plötzliche Tod des 77-jährigen Gerhard A. merkwürdig vorkam und er eine verdächtige Ampulle aus dem Papierkorb fischte. André S. erzählte es zwei Kollegen, bat dann aber um Stillschweigen, worauf man wieder zur Tagesordnung überging. Als Gunnar F. erzählt, dass zuweilen „flapsige Bemerkungen“ über die gehäuften Todesfälle fielen, reißt Richter Peter Faust die Geduld: „Und warum ist keiner von euch Schlaubergern auf die Idee gekommen, die Polizei zu holen?“ Die Zeugen winden sich, ihre Antworten klingen seltsam gleich: Auf der Station werde täglich Leben gerettet, da erscheine der bloße Gedanke an Mord „völlig absurd“. Es mussten noch drei weitere Menschen sterben, bevor Irene B. gestoppt wurde.

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