• Charité soll Ombudsstelle erhalten: Mutmaßliches Missbrauchsopfer für Behörden nicht erreichbar

Charité soll Ombudsstelle erhalten : Mutmaßliches Missbrauchsopfer für Behörden nicht erreichbar

Keimbefall auf der Frühgeborenenstation und ein mutmaßlicher Missbrauchsfall: Die Charité steht in der Kritik. Künftig sollen Mitarbeiter in sensiblen Bereichen gründlicher überprüft werden. Doch die Ermittlungen zum Missbrauchsvorwurf stocken - das Verfahren könnte sogar eingestellt werden.

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Künftig wird man in der Universitätsklinik genauer hinschauen.
Künftig wird man in der Universitätsklinik genauer hinschauen.Foto: dpa

Nach der massiven Kritik am Kommunikations- und Krisenmanagement der Charité in Bezug auf den mutmaßlichen sexuellen Missbrauch einer 16-jährigen Patientin hat der Vorstand am Dienstag einen Katalog mit acht Handlungsempfehlungen vorgelegt. So soll unter anderem eine Ombudsstelle für mehr Transparenz geschaffen werden. Die Empfehlungen müssten nun von dem seit Montag tätigen externen Expertenteam bewertet werden, sagte eine Charité-Sprecherin. Außerdem beschloss der Vorstand, von Mitarbeitern in sensiblen Bereichen künftig ein erweitertes Führungszeugnis zu verlangen. Dies müsse aber noch rechtlich geprüft werden.

Die Charité war in letzter Zeit immer wieder wegen ihrer schlechten oder (zu) späten Kommunikation brisanter Vorfälle in die Kritik geraten. Nach dem lange verschwiegenen Keimbefall auf der Frühgeborenenstation betraf das vor allem einen mutmaßlichen Fall von sexuellem Missbrauch an einem 16-jährigen Mädchen. Wie berichtet, war es am 14. November kurz nach Mitternacht in die Kinderrettungsstelle der Charité in Wedding gebracht worden und soll dort von einem 58-jährigen Pfleger, der ihr beim Ausziehen der Hose half, sexuell missbraucht worden sein.

Das Mädchen hatte dies seinem Vater erzählt, der informierte den behandelnden Arzt, der Pfleger wurde suspendiert. Doch statt sofort die Polizei einzuschalten und den Verdacht anzuzeigen, setzte die Klinik auf Anraten ihrer Rechtsabteilung auf eigene Ermittlungen – entgegen der Empfehlung der Kinderschutzkoordinatorin der Charité. Erst eine Woche später wurde der Vorfall nach Medienberichten öffentlich.

Für die nun von der Staatsanwaltschaft eingeschalteten Ermittler ist das viel zu spät. „Nach so langer Zeit konnten wir definitiv keine objektiven Beweismittel mehr sichern“, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Martin Steltner. Am Tag nach Bekanntwerden des Verdachts hätte man relativ problemlos eine entsprechende Untersuchung mit DNA-Analyse durchführen können. „Das hätte die Bewertung sehr erleichtert, auch die Wahrscheinlichkeit der Schuld oder Unschuld des Verdächtigen“, sagt Steltner.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt laut Steltner nach wie vor offen, unvoreingenommen und objektiv. Erschwert wird ihre Arbeit allerdings durch die Tatsache, dass die 16-Jährige immer noch nicht für die Ermittler erreichbar ist. Man habe dem Mädchen beziehungsweise seinen Eltern mehrmals Ladungen zur polizeilichen Vernehmung geschickt oder in den Briefkasten ihrer Wohnung geworfen. Eine Reaktion sei nicht erfolgt.

Auch auf Anrufe und Klingeln an der Wohnungstür habe niemand reagiert, hieß es aus Ermittlerkreisen. Allerdings sei dies für Opfer sexueller Gewalt nicht ungewöhnlich. Viele Betroffene schämten sich und wollten nicht, dass jedes Detail vor der Polizei oder gar in den Medien offenbart werde. Der Vater der 16-Jährigen hat möglicherweise aus diesem Grund keine Anzeige erstattet. „Wir können aber den mutmaßlichen Täter erst befragen, wenn wir das mutmaßliche Opfer gehört haben“, sagt Steltner. Man werde das Mädchen aber nicht zur Aussage zwingen, wenn es das partout nicht wolle. Dann müsse man wahrscheinlich das Ermittlungsverfahren einstellen.

Was in diesem Fall mit dem vom Dienst suspendierten Pfleger geschieht, ist offen. „Die Charité kann dennoch eine sogenannte Verdachtskündigung gegen ihn aussprechen oder ihn versetzen“, sagt der Rechtsanwalt und Arbeitsrechtler Jens-Uwe Thümer. Er hat kürzlich Anzeige gegen Charité-Chef Max Karl Einhäupl, den Vorstand, die Pflegedienstleitung sowie Kollegen des mutmaßlichen Täters wegen Beihilfe zu einem Sexualdelikt gestellt.

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