Berlin : Charles Joseph Welle (Geb. 1935)

Für ein Jahr sollte er nach Frankreich ins Gefängnis

Christel Welle

Sein letzter Weg führte ihn die Kantstraße entlang. Er ging ihn wie immer langsam, mit bedächtigen Schritten. Er wohnte gern in Charlottenburg, diesem ordentlichen, bürgerlichen Stadtteil. Vielleicht fühlte er sich an diesem Nachmittag schon etwas unwohl, aber das hätte er niemandem gesagt. Seine Befindlichkeiten standen nie im Vordergrund, es sei denn, es handelte sich um eine Erkältung. Es war keine Erkältung, in dieser Nacht rief seine Frau den Notarzt.

Als seine Mutter und sein kranker Vater mit dem Neunjährigen in den letzten Kriegsmonaten aus Straßburg über die Rheinbrücke in den Schwarzwald flüchteten, hatten sie nur zwei Koffer dabei. Sie landeten in einer Flüchtlingsbaracke bei Offenburg. Charly kam in die Volksschule. Es folgte eine Schriftsetzerlehre; auf die acht Mark Wochenlohn war seine Mutter angewiesen. Seine eigene Druckerei hatte er mit gerade mal 29 Jahren. Die Kunden fragten hin und wieder nach dem „Herrn Vater“.

Inzwischen hatte er seine zukünftige Frau kennengelernt. Die wilde, leidenschaftliche Beziehung sollte zur großen Liebe werden und in eine fast 50 Jahre dauernde Ehe münden.

Doch 1964 mussten für die Heirat erst mal alle möglichen Papiere beschafft werden – und da meldete sich der französische Staat. Charly sollte für ein Jahr ins Gefängnis, weil er seinen Wehrdienst in der französischen Armee nicht angetreten hatte. Er war ja in Straßburg geboren, der Vater Elsässer, formal also Franzose. Der Einberufungsbefehl hatte ihn nie erreicht. Nun kämpfte er mit allen juristischen Mitteln um seine deutsche Nationalität, und Frankreich gab nach, ließ sich das aber teuer bezahlen. Damals ließ er seinen Vornamen in das strenge, deutsche Karl ändern. Er fand es im beruflichen Alltag seriöser, passender.

Das Leben als Chef und Familienvater in Karlsruhe begann. Die Firma reüssierte, ein Sohn wurde geboren. Mit zweieinhalb Jahren starb er, eine Wunde, die nie heilen sollte. Die Tochter, die noch kam, war ganz die seine. Dass sie später im Beruf Erfolg hatte, erfüllte ihn bis zum Schluss mit großem Stolz.

Die Firma wurde größer, ein Neubau musste her. Glückliche Jahre. Aber schleichend, erst kaum beachtet, kam da etwas Neues: die Computer. Es traf zuerst die kleineren Druckereien. Geschäftspapiere, Flugblätter, Einladungen konnten die Kunden jetzt selbst drucken.

Am Anfang des neuen Jahrtausends war es vorbei. Die Firma in Karlsruhe musste aufgelöst, das Haus verkauft werden. Es waren bittere Zeiten. Immerhin, die Rente genügte zum Leben. Und dann war da noch Berlin. Seit Jahren hatten er und seine Frau davon geträumt, ihren Ruhestand dort zu verbringen. Er hatte in Berlin studiert, sie stammte aus der Altmark und war im Badischen immer ein wenig fremd geblieben.

Nach Berlin zu ziehen, war die beste Entscheidung ihres Lebens. Sie mussten haushalten, natürlich, aber sie hatten unendlich viel Zeit füreinander. Und die Stadt bot so viel, dass fast zehn Jahre wie im Flug vergingen. Dann kam Weihnachten 2012. Er war beim Frühstück kurz ohnmächtig geworden. Untersuchungen zeigten ein Aneurysma am Hirnstamm, unbehandelbar.

Wie lange noch? Wahrscheinlich ein Jahr, sagte der erfahrene Arzt. „Wir leben weiter wie bisher“, sagte Charly. Theater, Konzerte, Ferien mit Tochter, Schwiegersohn und Enkelkind: Es wurde ein schönes Jahr. Ein Kurzurlaub bei ungewöhnlich warmer Märzsonne an der Ostsee. Die Jahresfrist war eigentlich um, warum sollte es nicht weitergehen. Aber dann behielt der Arzt doch recht.

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