Berlin : Charlotte Manske (Geb. 1907)

„Das gibt’s doch nicht! Jetzt bin ich schon wieder aufgewacht!“

Anne Jelena Schulte

Als ihre Eltern in eine andere Stadt ziehen, nimmt sich Charlotte, 21 Jahre alt, ein Zimmer in der Nähe der Friedrichstraße. Um die Tochter brauche man sich keine Sorgen zu machen, schreibt die Vermieterin fortan in ihren Briefen an die Eltern, sie halte sich an alle Regeln, von Herrenbesuch keine Spur.

Derweil tanzt Charlotte im „El Dorado“, im „Ballhaus“ oder im „Moka Efti“, am liebsten zu argentinischem Tango oder zu Zarah Leanders „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n, und dann werden tausend Märchen wahr“.

Der Prinz lässt auf sich warten. Der erste Mann verliert Charlottes Gunst, indem er das Geburtstagsgeschenk ihres Vaters, einen Brillantring, kommentiert: „Ein Kochtopf wäre besser gewesen.“ Der nächste wagt es, Zweifel zu äußern am Wunder der ewigen Liebe.

Endlich aber erscheint Erich auf der Tanzfläche. Erich mit den leuchtend blauen Augen. Erich, der sich als Sohn eines Tischlers sein Jurastudium selbst finanziert und seine Hände ebenso gut zu regen weiß wie seinen Kopf.

Und Erich fordert die Schlanke nicht nur zum Tanzen auf, sondern auch zur Hochzeit. Denn er sieht es wie die Zimmerwirtin: Charlotte ist eine, auf die man sich verlassen kann. So ausgelassen sie in der Nacht auch getanzt haben mag, so korrekt verrichtet sie am nächsten Tag ihre Arbeit als Sekretärin im Katasteramt.

Das Hochzeitsfoto gleicht einem Filmplakat. Lässig lehnt das schöne Paar in einem Türrahmen, Erich die Hände in den Hosentaschen. Er lacht sie an, siegessicher, und sie lacht den Fotografen an, amüsiert über den Mann an ihrer Seite und über das Leben generell.

Und dann kippt alles um. Der lässige Mann kriegt ein Gewehr in die Hand und zieht an die Front. Die Braut, inzwischen Mutter, bleibt zurück, 1940 schwanger mit dem zweiten Kind, 1943 schwanger mit dem dritten Kind, Erinnerungen an Erichs kurze Fronturlaube.

Das Lächeln in ihrem Gesicht schwindet, sie flieht mit den Kindern aufs Land, flieht mit dem Vormarsch der russischen Soldaten wieder zurück in Richtung Berlin, schwanger mit dem vierten Kind. Winter ist es, sie zieht einen Leiterwagen und drei Kinder hinter sich her, eins davon schwer krank. Das alles schützt sie nicht vor den Soldaten, hübsch ist sie auch ohne Lächeln, auch mit dem Kind im Bauch.

In Berlin schwimmen die Leichen in der Spree, Erich kehrt zurück, auch ihm ist das Lachen vergangenen. Er streicht über die umliegenden Felder, auf der Suche nach Kartoffeln. Für besondere Tage haben sie eine Karnickelzucht auf dem Balkon, und auf einem Feldbett in der Küche wird das vierte Kind geboren.

Kein Wort der Klage kommt über Charlottes Lippen, einmal nur streitet sie sich in dieser Zeit, da geht es um einen Heringskopf, auf den ihre Schwester ebenso Anspruch erhebt wie sie. Ihre Aufgeschlossenheit, ihr Wunderglaube, all das scheint gestorben, geblieben ist eine Frau, die müde wirkt und beladen, die still ihre Arbeit verrichtet, viel zu still.

Auf politische Diskussionen mag sie sich nicht einlassen, ebenso wenig wie Erich. „Das ist ein dreckiges Geschäft“, sagen sie.

Die Zeit verstreicht, schleift den Erinnerungen die Spitzen ab, tröstend ist das Geld der Wirtschaftswunderjahre. Charlotte gibt wieder Feste, kleidet sich mit lässiger Eleganz, aus ihren Augen blitzt die Lebenslust von einst. Erich, inzwischen Direktor des Landgerichts, bekommt abends ein Getränk aus Rotwein und Eigelb gemixt. „Das stärkt“, sagt Charlotte. Ein Cockerspaniel wird angeschafft. So bissig ist der, dass Charlotte sich nur mit einem Eimer als Schutzschild an dem Tier vorbeiwagt. Erich aber liebt den Hund, und was Erich liebt, das ist Charlotte heilig. Heilig überhaupt ist ihr die Familie, die dem Beben der vergangenen Jahre standgehalten hat.

79 Jahre ist sie, als Erich stirbt. Charlotte näht sich neue Vorhänge, verreist, trifft sich mit Freundinnen, legt ab und an einen Tango auf oder das Wunderlied von Zarah Leander. Und sie entdeckt ein neues Hobby: Politik, das dreckige Geschäft, das ganze Biografien ruinieren kann. Keine Politsendung im Fernsehen verpasst sie, kein Artikel ihrer Zeitung bleibt ungelesen. Unwillig nimmt sie zur Kenntnis, dass ihre Tochter, bei der sie die letzten Jahre verlebt, den Namen manches Berliner Senators nicht kennt.

Erst als sie mit 99 Jahren einen Schlaganfall erleidet, will sie nicht mehr leben, bloß kein Pflegefall sein. Ihre ganze Kraft konzentriert sie jetzt aufs Sterben. „Das gibt’s doch nicht! Jetzt bin ich schon wieder aufgewacht!“, hört man sie morgens seufzen. In den Tagen vor ihrem Tod kehrt sie in ihre Kindheit zurück. Sie hört ihre Cousinen Klavier spielen und sieht im Tiergarten die Prinzen vorbeireiten.

Schließlich kommt er doch, der Morgen, der auch Charlotte Manske nicht mehr zu wecken vermag. Anne Jelena Schulte

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