Berlin : Charlotte Sommerfeld (Geb. 1920)

Sie fragt nicht: „Warum?“ Sie fragt: „Warum denn nicht?“

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Ein Auto braust um den Strausberger Platz, ein Mal, zwei Mal, drei Mal, ein fliederfarbener F9, das Dach leuchtend weiß, die Formen geschwungen wie die eines alten Jaguars. Das Auto aus volkseigener Produktion ist allerdings nur halb so groß. Platz für Mutter und drei Kinder bietet es allemal, der Vater dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester, er fährt selten mit. Die Mutter, Charlotte Kleinert-Sommerfeld, lenkt das Auto immer wieder um den Kreisverkehr, ruft: „Wo wollten wir noch hin?“, die Kinder quietschen vor Vergnügen, und es kann gut sein, dass sie die Rundfahrt nur ihnen zuliebe unternimmt. Denn sie ist keine Frau, die den Überblick verliert.

Eine Dame ist sie, das Haar blondiert, die Nägel gefeilt, gekleidet, als ginge sie täglich in die Oper. Besonders gern trägt sie ihren weißen Mantel, wehend, ohne Knöpfe, mit einer breiten lilafarbenen Borte. Er passt hervorragend zu ihrem Auto. Wenn ein Polizist sie anspricht, weil sie falsch geparkt hat – sie stellt den Wagen selbstverständlich dort ab, wo sie hinwill – dann strahlt sie ihn an, kramt in ihrer Handtasche nach dem Geld, das lose zwischen Puderdose, Kamm und Sendungsmanuskript herumfliegt, zahlt die Strafe und geht ihren Dingen nach. Sie hat viel zu tun.

Denn sie ist nicht nur Dame, treusorgende Ehefrau und Mutter, sie ist auch Regisseurin beim Deutschen Fernsehfunk. „Knallbonbons zur Jahreswende“, „Willy Schwabes Rumpelkammer“, „Wer rät mit, wer gewinnt“, so heißen ihre Unterhaltungssendungen. Da wir uns noch in der ganz frühen Zeit des DDR-Fernsehens befinden, ist sie auch für Dokumentationen und Ratgebersendungen verantwortlich: „Fragen Sie den Arzt“, „Prof. Jupitz experimentiert mit Infrarot“, „Mehr Beweglichkeit im genossenschaftlichen Handeln“.

Die fünfziger Jahre, das ist ihre große Zeit. Seit dem 21. Dezember 1952, Stalins letztem Geburtstag, hat die DDR einen eigenen Fernsehfunk. Alle, die hier arbeiten, jung oder alt, sind Auszubildende, alles, was sie tun, ist neu. Charlotte ist der richtige Mensch am richtigen Ort. Sie fragt nicht: „Warum?“ Sie fragt: „Warum denn nicht?“ Fast alles, was gesendet wird, wird live gesendet, die Technik ist neu, teuer und anfällig, ständig muss man improvisieren, lernen, ausprobieren. Die ersten Sendungen werden mit einer beweglichen Kamera gedreht. Im Jahr 1956 produziert Charlotte erstmals mit drei Kameras, „Tages Arbeit, abends Gäste“ im Kultursaal des VEB Elektrokohle in Berlin-Lichtenberg. Die neuen Kameras stehen auf festen Stativen, unbeweglich. Sie erinnert sich später: „Ich dachte, wie schade, jetzt muss man alles zerhacken, zerstückeln. Und dann war es wieder die Erfahrung, die mich lehrte, dass man durch die Möglichkeiten der verschiedenen Objektive eine genauso dynamische, eigentlich noch viel packendere Bildsprache finden kann.“

Woher kommt diese Offenheit, dieser unerschrockene Tatendrang?

Charlotte wuchs in einer heilen Welt in Leipzig auf, ihr Vater handelte mit Pralinen, die Mutter ließ die zwei Töchter tun, was sie selbst gern getan hätte: tanzen und singen. Beide werden Schauspielerinnen, beide lieben die Operette. Es ist Krieg? Mag sein, die Leute wollen dennoch unterhalten werden. Charlotte unterhält sie am Theater in Memel, Ostpreußen. Mit 20 lernt sie Auto fahren, sie heiratet einen Schauspieler, sie bekommt ihren ersten Sohn.

Dann ist der Krieg vorbei, Charlottes Mann in Kriegsgefangenschaft, Memel verloren. Und Charlotte weiß, dass die Leute keine anderen geworden sind: Wenn sie einmal satt sind, brauchen sie vor allem eines: Unterhaltung. In Zwi- ckau macht sie bei einer Revue die Choreografie, sie lebt wieder in Leipzig und arbeitet beim Rundfunk als Sprecherin. Dort lernt sie Rolf kennen, Rolf Kleinert, den Kapellmeister. Er ist ein Mensch von ähnlichem Tatendrang wie sie: In zehn Jahren wird er die Leitung des Berliner Rundfunk-Sinfonieorchesters übernehmen.

Doch zunächst kehrt Charlottes Ehemann aus der Gefangenschaft zurück. In der russisch besetzten Zone will er auf keinen Fall bleiben, Charlotte aber sieht ihre Chancen hier. Und Rolf Kleinert gibt es schließlich auch. Also wird die Ehe geschieden, einvernehmlich, Charlotte heiratet ihren Kapellmeister, setzt seinen Namen vor den ihren und heißt von nun an Kleinert-Sommerfeld.

Sie bringt noch einen Sohn und zwei Töchter zur Welt. Ihr Mann kann sich kaum um die Kinder kümmern. Sei’s drum, es geht auch so.

1950 zieht Charlotte, quasi alleinerziehend, nach Berlin. Ihr Mann kommt zwei Jahre später nach. Sie würde gern Filmregie in Babelsberg studieren, dafür aber hat sie wegen ihrer Kinder nicht genügend Zeit. In Adlershof bereiten sie den Start des Fernsehfunks vor und bieten Lehrgänge an. So wird Charlotte eine der ersten Fernseh-Regisseurinnen der DDR.

Es mag auch Männer geben, die als Chefs so unerschrocken und selbstbewusst sind wie sie. Aber gibt es auch welche, die sich nebenher um die Kinder kümmern und der Gattin die Garderobe zurechtlegen? Charlottes Töchter erinnern sich: Die Mutter war immer weg und immer da. Am Abend stopfte sie Socken, sie legte dem Vater den Frack fürs Konzert zurecht, sie lud Kollegen zu Arbeitsbesprechungen im Wohnzimmer ein, sie las die Manuskripte ihrer Sendungen in der S-Bahn. Ein Kollege erzählt, wie beliebt die Frau als Chefin war. Sie wusste, was sie wollte, sie war immer da, und wenn sie zur Kantine ging – nur selten hatte sie die Zeit dafür –, dann brachte sie für die anderen die Suppe in einer Kanne mit.

Er kommt aus dem Schwärmen gar nicht raus: „Und dieser elegante Auftritt! Wenn sie in ihrem weiß-lila Mantel angeflogen kam, nannten wir sie nur die lila Wolke.“

Im Studio produziert sie die Rechtsberatungssendung „Kleine Fische, große Sorgen“, im Leipziger Zentralstadion die „Olympiade der Heiterkeit“. Ideologische Debatten sind ihr suspekt, erstaunt nimmt sie zur Kenntnis, wie ernsthaft sich ihre Kollegen über den „Realismus in der Unterhaltungskunst“ streiten. Sie ist der Meinung, „dass die Show, wie auch die Musik ideologieindifferent sind … Die nackten Popöchen der Damen sind sicher im Moulin Rouge in Paris etwas weniger kompakt als die der Tänzerinnen im Friedrichstadt-Palast. Das wäre vielleicht der einzige Unterschied.“

Sie hütet sich, derlei revisionistische Auffassungen öffentlich zu vertreten und bekommt folglich keinen Ärger. Ihr Problem wird die Arbeitsteilung. In den sechziger Jahren wächst der Fernsehfunk, Fachleute spezialisieren sich, die Bürokratie blüht. Charlotte ist die kurzen Dienstwege gewohnt, wenn sie eine Kamera mehr benötigt, besorgt sie sich eine, wenn sie die Idee zu einer neuen Sendung hat, geht sie zum verantwortlichen Abteilungsleiter. Das alles wird viel schwieriger. Sie muss um Sendungen kämpfen, ihre Allroundfähigkeiten sind nicht mehr gefragt.

Als ihr Mann 1975 stirbt, ist das ein schwerer Schlag. Weil sie beim Fernsehen kaum noch tun kann, was sie mag, geht sie mit nur 55 Jahren in Rente. Und entwickelt weiterhin Konzepte für Sendungen und Fernsehserien. Kein einziges wird umgesetzt.

Sie hätte allen Grund zu verzagen. Und tut es nicht. Ihre Töchter, die unter dem DDR-Stillstand der achtziger Jahre leiden, staunen über diese Frau. Sie sagt: „So sind nunmal die Zeiten. Und die Zeiten ändern sich.“

Recht hat sie, die Zeiten ändern sich. Die DDR geht ein, das DDR-Fernsehen ebenfalls. Und Charlotte, inzwischen 70, fängt wieder an zu drehen. Sie hat jetzt einen kleinen Citroen, mit dem sie durch die Stadt flitzt und ihre Drehorte erkundet. Für den Regionalsender „I A“ dreht sie Reportagen, am liebsten solche mit einem guten Ausgang. Sie interessiert sich für Menschen, die so sind wie sie, die sich nicht unterkriegen lassen, die, wenn die Zeiten sich ändern, andere Dinge angehen.

Zehn Jahre geht das so, dann ist Schluss mit der schönen Arbeit. Charlotte erleidet einen Herzschlag, sie ist ans Bett gefesselt, kann nicht gehen und nicht sprechen. Aber sie ist doch erst 82, viel zu jung um aufzugeben!

Die Ärzte staunen, mit welcher Anstrengung sich diese alte, kranke Dame gegen Alter und Krankheit auflehnt. Sie lernt das Laufen neu und auch das Sprechen. Lesen kann sie nicht mehr – was sie überhaupt nicht akzeptieren will. Selbstverständlich kauft sie sich wieder Zeitungen, jetzt eben welche mit mehr Bildern.

Dass sie nun gestorben ist, erstaunt ein wenig: Dass so ein Geist in einem Körper steckt, der irgendwann den Dienst quittiert. David Ensikat

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