Berlin : Charlottenburg: Die Betreuer vom Bahnhof Zoo

Cay Dobberke

Am Bahnhof Zoo fallen Drogensüchtige, Alkoholiker, Strichjungen und jugendliche Trebegänger längst nicht mehr so auf wie in den 70er und 80er Jahren. Seit der Modernisierung der Station halten Wachleute und Polizisten die meisten unerwünschten Gäste mit scharfen Kontrollen fern. Doch in der Umgebung besteht die "Szene" weiter. "Der Gebrauch harter Drogen nimmt ab, das Spritzen verlagert sich in den privaten Raum. Dafür werden mehr Pillen und Alkohol konsumiert", sagt Wiltrud Schenk von der Anlauf- und Beratungsstelle "Die Hardenberger". Gestern feierte die Einrichtung ihr 25-jähriges Bestehen.

Anfang August 1976 hatte das bezirkliche Gesundheitsamt einen ausrangierten BVG-Doppeldeckerbus umfunktioniert und in die Jebensstraße gestellt. "Hier kann man über Probleme sprechen", verkündete eine Aufschrift, später bemalten Jugendliche den Bus. Im Oberdeck hielten Ärzte in geduckter Haltung Sprechstunden ab. "Die Bedingungen waren extrem", sagt Wiltrud Schenk. Zur Klientel gehörte auch Christiane F., die Hauptperson des Buches und Films "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo". Als 1995 ein Sanitär-Container hinzukam, prangerte ein Boulevardblatt den "Behörden-Wahnsinn" an: "Das wird Berlin bereuen!"

Stattdessen erhielt die Beratungsstelle 1996 eigene Räume an der Hardenbergstraße 9a. Es gibt Toiletten und Duschen, eine kostenfrei verfügbare Kleiderkammer und Beratungsräume. Mit Spenden des Lions Clubs wurde eine moderne Küche eingerichtet. Zwei Betreuer stellt der Bezirk, drei die Treberhilfe. Beteiligt sind auch ein halbes Dutzend weitere freie Träger.

Rund 150 junge Leute kommen regelmäßig in die Räume, die Zielgruppe ist 14 bis 35 Jahre alt. Ärzte beraten vier Mal wöchentlich über Drogenprobleme, Krankheiten und die Gefahr von HIV-Infektionen. Die Sozialarbeiter sind auch am Bahnhof unterwegs. Mit Spendengeldern veranstalten sie außerdem Grillfeste im Tiergarten und Weihnachtsfeiern. "Es soll auch mal um Spaß und Freude gehen", findet Gesundheits- und Sozialstadträtin Martina Schmiedhofer (Grüne).

Die Hausordnung verbietet Drogenkonsum, Gewalt und "sichtbare Waffen". Nach einer Statistik der Sozialarbeiter leben 21 Prozent der Besucher auf der Straße. 1997 waren es noch 55 Prozent. "Aber der Wohnungsmarkt hat sich verbessert", heißt es. Der Anteil minderjähriger Besucher sank von 69 auf 33 Prozent, weil Behörden auch diesen häufiger Wohnungen vermitteln. Immer noch ist aber rund die Hälfte der jungen Gäste drogensüchtig oder alkoholkrank. Die meisten hätten die Wohnung ihrer Eltern wegen "Gewalterfahrungen" verlassen, sagt Wiltrud Schenk. Die Gruppen am Bahnhof böten ein starkes "Zugehörigkeitsgefühl". Doch zugleich werde man dort leicht in Prostitution und Drogenkonsum hineingezogen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar