Berlin : Charlottenburg: Hockey in der Unterwelt des Kongresszentrums

Justin Just

Schon auf der Treppe abwärts hört man das Surren der Rollen und das helle Knallen von Holz auf Stein. In der Fußgängerunterführung am ICC riecht es ein wenig säuerlich. Man weiß nicht genau, ob das an den verschwitzen Trikots der sieben jungen Männer liegt, die auf Inline-Skates durch das künstliche Licht sausen. Oder an den kleinen Pfützen, die in halbdunklen Ecken im Verborgenen liegen.

Nein, so richtig erlaubt sei ihr wöchentliches Treiben wohl nicht, sagen die Sportler, aber Ärger mit der Polizei habe es eigentlich auch noch nie gegeben. Verwunderlich, immerhin spielen die Jungs hier schon seit guten zwei Jahren Inline-Hockey - regelmäßig sonntags um 20 Uhr. Das heißt, sie spielen ein an Eishockey angelehntes Spiel. Nur, dass sie an Stelle von Schlittschuhen Inline-Skates unter den Füßen haben und über die Bodenplatten der Unterführung donnern. Der Ort sei perfekt, sagt der 22-jährige Friedrich Bauer. Schließlich sei man hier unten geschützt vor Wind und Wetter. Gespielt wird das ganze Jahr hindurch. Lediglich eine kleine Sommerpause machen sie, wenn alle im Urlaub sind. Doch jetzt hat die Saison wieder begonnen, pünktlich zur Internationalen Funkausstellung (Ifa).

"Verdammte Ifa!" nuschelt Friedrich genervt in seinen Mundschutz und wirft den behelmten Kopf in den Nacken. Sein Spielspaß wird regelmäßig durch die Messewochenenden getrübt, wenn Angestellte und Besucher auf dem Heimweg die Unterführung benutzen. So muss auch heute das Spiel ständig unterbrochen werden, um Messehostessen oder Gruppen von Anzugträgern durchzulassen. Früher hätten sie einfach weitergespielt. "Aber das war dann doch zu gefährlich", gesteht der Jura-Student, den sie "Fritzi" nennen. Er grinst ein bißchen. Also rollen sie kurz aus, immer im Slalom um die gekachelten Säulen herum und warten bis der Pulk vorbei ist. Die Reaktionen der Fußgänger sind heute durchweg positiv.

"Ich wünschte ich hätte meine Skates dabei und könnte mitspielen", lacht Dean Ward. Der Amerikaner, der in Frankfurt/Main für Sony arbeitet, ist zur Funkausstellung nach Berlin gekommen.

Ein bisschen mehr als die Rollschuhe müsste er wohl schon mitbringen. Alle, die hier durch den Untergrund kurven tragen komplette Eishockey-Ausrüstungen. Verletzungen sind dennoch an der Tagesordnung. Oliver Wasserkampf hat sich schon einmal den Daumen gebrochen. Aufgeplatzte Augenbrauen und geprellte Rippen sind keine Seltenheiten. "Zuerst hatten wir nur Eishockeyschläger und Knieschoner", berichtet er von den Anfängen, "bald haben wir aber gemerkt, dass auch Handschuhe und gepolsterte Hosen wichtig sind. Also wurde aufgerüstet." Mittlerweile hat der Krankenpfleger um die 1500 Mark für seine Equipment ausgegeben. So nebenbei erzählt er noch vom Notarzt, der kürzlich wegen einer ausgekugelten Schulter gerufen werden musste. Das sei jedoch die Ausnahme, relativiert Sebastian Voigt - und erfrischt sich an einer Dose Kindl. Dann rollt er in die zweite Halbzeit. Schließlich zähle doch allein der Spaß an der Sache und keiner wolle sich wehtun.

Auf die Frage, warum denn keiner von ihnen in einem Verein spiele, sind geteilte Meinungen zu hören. Einige würden sich schon die Kontinuität eines Vereins wünschen. Ist man heute nur zu siebt, sind es an guten Sonntagen doppelt so viele. Auf der anderen Seite jedoch genießen die Charlottenburger, dass ihre Zusammenkommen total zwanglos ist.

In "ihrer" Unterführung bleiben sie normalerweise unter sich und ungestört. Nur mit den Skateboardern, die diesen Platz gelegentlich ebenfalls für sich beanspruchen, müsse man sich "arrangieren". Wie das aussieht, lässt sich denken: Die Gruppe ist schließlich gut gepolstert ...

Über Verstärkung würden sie sich die Hockeyskater jederzeit freuen. "Nur ein bißchen Ausrüstung sollte man schon mitbringen, das ist ja schließlich keine Mädchensport hier", sagt Fritzi noch, wirft seinen soeben zerbrochenen Schläger in die Ecke mit den Pfützen. Er borgt sich vom Kumpel einen Ersatzschläger -und saust wieder über das Spielfeld.

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