Charlottenburg-Wilmersdorf : Keine Hoffnung für die Deutschlandhalle

Ab 2011 soll das Traditionsgebäude Deutschlandhalle abgerissen werden und einer neuen Messehalle weichen.

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Ohne Zukunft. Fast drei Millionen Euro kostet jährlich der Unterhalt der seit Jahren geschlossenen Halle – zum Abriss gibt es für den Senat keine Alternative.
Ohne Zukunft. Fast drei Millionen Euro kostet jährlich der Unterhalt der seit Jahren geschlossenen Halle – zum Abriss gibt es für...Foto: ddp

Im Schaukasten neben dem Ticketschalter 3 hängt ein halb eingerolltes Veranstaltungsplakat – aus dem Jahr 1994. Daneben der Terminplan 2008 aus der letzten Eishockeysaison der ECC Preußen Juniors in der Deutschlandhalle. Verwaist steht sie da. Rechts die schicken, zweistöckigen Messehallen, links der grüne S-Bahnhof Eichkamp. Die Fahnenmasten sind leer, die Plakatleinwände an der Vorderfront zerrissen, am Dach blättert der Putz und hinter zerborstenem Fensterglas stehen Spanplatten. Ab Frühjahr 2011, das ist jetzt wohl amtlich, wird das West-Berliner Baudenkmal abgerissen.

Etwa ein Jahr wird das dauern. Denn das massige Gebäude aus Stahl und Beton, das 1935 für die Olympischen Spiele als größte Multifunktionshalle der Welt eingeweiht wurde, umschließt 260 000 Kubikmeter Raum. In der Halle gelang in Vorkriegszeiten sogar ein Hubschrauberrundflug. Aus statischen Gründen und mit Rücksicht auf das benachbarte Messegelände muss der Bau Stück für Stück abgetragen werden. Beschlossen wurde der Abriss vom rot-roten Senat schon am 27. Mai 2008. Verzögert hat sich der Vollzug, weil für den Amateur-Eissport in Berlin erst eine Ausweichstätte gefunden werden musste und weil bisher der Denkmalschutz griff.

Seit dem 30. November 2009 sind die Berliner Eishockey-Jugend, die Freunde des Kunstlaufs und des Curling im Hangar 3 des Flughafens Tempelhof untergebracht. Auch das ist nur ein Provisorium, so wie vorher die Deutschlandhalle. Erst im Sommer 2011 wird eine neue Eissporthalle am Olympiapark (Glockenturmstraße) in Betrieb genommen. Fast ein Jahrzehnt hatte der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf darum gekämpft. Und mit noch größerem Engagement kämpft das Bezirksamt in der City-West, unterstützt von CDU, SPD und Grünen, für das Weiterleben der Deutschlandhalle.

Wirksame Waffe in diesem Kampf war bisher die Berliner Denkmalliste, in der das Traditionsgebäude mit der Bezeichnung „Mehrzweckbau“ unter der Nummer 09096352 eingetragen ist. Als die landeseigene Messe GmbH am 6. März 2009 den Abrissantrag stellte, weil sie das Gelände für den Neubau einer Messehalle braucht, ging der Bezirk zum Angriff über und lehnte als untere Denkmalschutzbehörde den Antrag am 8. Juli ab. Auch der Widerspruch vom 23. September 2009 wurde abschlägig beschieden. Erst vor einer Woche griff der Senat ein, um seine Pläne für die Sanierung des Internationalen Congress Centrums (ICC) und die Erweiterung der prosperierenden Messe – wenn auch mit Verzögerung – doch noch durchzusetzen.

Die Entscheidung des Bezirksamts wurde aufgehoben und die Auflage erteilt, sich mit dem Landesdenkmalamt zu einigen, das unter Senatsaufsicht steht. Eine solche Einigung ist nicht zu erwarten, und danach wird die oberste Denkmalschutzbehörde, die zur Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gehört, den Abriss genehmigen. Die Begründung steht eigentlich schon fest: ein „überwiegend öffentliches Interesse“ am Abriss und die „fehlende wirtschaftliche Zumutbarkeit“ für eine Weiterexistenz der Halle, deren jährliche Betriebskosten mit zuletzt 2,9 Millionen Euro enorm hoch waren. Zudem müsste das aus 5215 mürben Betonplatten bestehende Dach erneuert und die Halle, mit Ausnahme der Fassade, völlig umgebaut werden, um sie wieder funktionstüchtig machen.

Am Dienstag wird das Bezirksamt beraten, ob gegen die Abrisspläne des Senats noch ein Kraut gewachsen ist. Frühere Ankündigungen, man werde vor Gericht ziehen, nahm Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler (CDU) jetzt bedauernd zurück. „Leider können wir nicht klagen, obwohl der Senat mit der Einschaltung des Landesdenkmalamts bewusst die Rechte des Bezirks aushebelt.“ Der Vorwurf Gröhlers, mit dem Abriss der Halle hinterlasse der Senat eine Brache, zieht allerdings nicht. Der interne Vorschlag des SPD-Arbeitskreises „Wirtschaft“, dort eine einstöckige Messehalle zu genehmigen, die 50 Millionen Euro kosten darf, ist koalitionsintern wohl mehrheitsfähig.

Bei optimistischer Betrachtung könnte diese Halle bis zum Sommer 2013 betriebsfertig sein. Und gemeinsam mit den Hallen in Tempelhof für die Zeit der ICC-Sanierung für Großkongresse als Ausweichquartier dienen. Die komplette Schließung des ICC, die aus bautechnischen Gründen wenigstens zeitweise unausweichlich ist, will die SPD aber auf ein Jahr minimieren, bestätigte der SPD-Wirtschaftsexperte Jörg Stroedter. Die übrigen Sanierungsarbeiten sollen bei laufendem Betrieb stattfinden. Das neue Gesamtkonzept für Deutschlandhalle, ICC und Messeerweiterung wird der Senat erst nach der Sommerpause vorlegen.

Der Todesstoß wurde der Deutschlandhalle aber viel früher versetzt: Mit der Olympiabewerbung Berlins, die zwar 1993 scheiterte, aber zwei Großsporthallen (Velodrom, Max-Schmeling-Halle) hervorbrachte, die den Veranstaltungsort im Westen überflüssig machten. Folgerichtig beschloss der CDU/SPD-Senat im August 1996 die Schließung der Halle. Nur weil die Messe 2001 einen neuen, repräsentativen Südeingang bekam und dafür die alte Eissporthalle abgerissen wurde, konnte die Deutschlandhalle noch einige Jahre dem Amateursport als provisorische Unterkunft dienen.

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