Berlin : Charlottenburg: Zu berauschend

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Aus den prächtigen, bis zu zehn Meter hohen Fontänen in den Leibniz-Kolonnaden ist ein Rinnsal geworden. Nur noch kniehoch sprudelt das Wasser seit ein paar Tagen aus den 56 Düsen am Walter-Benjamin-Platz / Ecke Leibnizstraße. Und statt der vielfältigen Wasserspiele, die ein Computer im Zwölf-Minuten-Takt wechselte, bietet sich immer dasselbe Bild. Aber nicht Tücken der Technik oder Sparzwänge ließen die Zierde der Kolonnaden verkümmern, die erst im Frühjahr offiziell eröffnet worden waren. Es war das zu laute Rauschen des Wassers, das Wohnungseigentümer in den siebenstöckigen Neubau-Blöcken beiderseits der Passage störte.

Eine Beschwerde beim Bezirksamt führte jetzt zu Kontrollen. Bau- und Umweltstadtrat Alexander Straßmeir (CDU) sieht eine "deutliche Überschreitung" der Grenzwerte. Deshalb wurde ein eingeschränkter Brunnenbetrieb angeordnet. Tagsüber hatte der durchschnittliche Schallpegel in einer Wohnung 68,5 Dezibel betragen. Das Umweltamt stuft die Kolonnaden als Wohngebiet ein, in dem nur 50 Dezibel zulässig sind. Ein Spitzenpegel betrug fast 100 Dezibel.

"Wir konnten im Wohnzimmer keine Gespräche führen", sagt Werner Schwalm, der mit seiner Ehefrau eine Wohnung im sechsten Stock gekauft hat. Das Rauschen habe sogar den Autolärm von der Leibnizstraße übertönt. Dazu sei das Geschrei spielender Kinder am Brunnen gekommen. Mit dem derzeitigen Zustand ist Schwalm aber auch nicht glücklich. "Es ist klar, dass der Brunnen ein wichtiger Bestandteil des Ensembles ist." Er hoffe, dass die Kolonnaden-Betreiber bald eine neue Lösung finden.

Nach Angaben des Rentner-Ehepaares gibt es vier weitere Wohnungseigner, die den Lärm als unerträglich empfanden. Doch auch Brunnen-Befürworter haben sich formiert. Ein Dutzend Wohnungskäufer und Ladeninhaber trafen sich jetzt und nannten das Vorgehen der Nachbarn unverständlich. Die Fontäne sei "ein ganz wichtige Belebung dieses sonst toten Platzes", meinte Wohnungseigentümer Alexander Stange. Eine Anwohnerin sagte, sie habe ihre Wohnung auch wegen des Brunnens gekauft. Optiker Dieter Brennecke und andere Geschäftsleute glauben, dass vor allem der Kinderlärm die Beschwerdeführer störte.

Das Büro des Architekten Hans Kollhoff hat laut Projektleiterin Barbara Tyrra "ein neues Computerprogramm in der Schublade". Doch habe man erst einmal Einspruch gegen den Bescheid des Bezirksamts eingelegt. Ob das Wasser bis Mitte Oktober - dem Ende der Brunnensaison - wieder höher sprudeln kann, bleibt offen. Die Miniatur-Fontänen sind das "Nachtprogramm" des Steuerungs-Computers, das als Notlösung auf den ganzen Tag ausgeweitet wurde.

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