Charlottenburger Experiment : Der Umweg II

Vor einem halben Jahr begrünte der Bezirk Charlottenburg eine als Trampelpfad missbrauchte Wiese an der Kantstraße, das scheitern der gut gemeinten Initiative schien absehbar. Von Querfeldein-Ignoranten ist seitdem aber keine Spur mehr.

von
So ähnlich sah es auch an der Kantstraße bis vor einem halben Jahr aus.
So ähnlich sah es auch an der Kantstraße bis vor einem halben Jahr aus.Foto: imago

Möglicherweise besteht noch Grund zur Hoffnung. Vor einem halben Jahr beschrieben wir an dieser Stelle unter der Überschrift „Der Umweg“ ein Charlottenburger Experiment, bei dem es darum ging, die Menschheit vom Zerstörungs-Highway der Gleichgültigkeit auf den Unser-Kiez-soll-toll-werden-Weg umzulenken. Die Bezirksabteilung für Ordnungsentwicklung hatte auf einem Platz an der Kantstraße, zur Sanierung der misshandelten Grünfläche, den jahrelang festgetrampelten diagonalen Abkürzungspfad eiliger Passanten als Rasenfläche ausgewiesen und den gelockerten Erdstreifen mit frischer Wiese besät. Um Querfeldein-Ignoranten davon abzuhalten, das Projekt im Keim zu ersticken, wurden Zäune und Verbotsschilder aufgestellt. Das Scheitern der gut gemeinten Initiative schien absehbar.

Alles im grünen Bereich auf der Versuchswiese

Tatsächlich hat seit dem Start des Experiments Berolinas umstrittene Schönheit nicht nachweisbar zugenommen. Gaslaternenretter und ihre Stilgemeinschaft dürften gar der Ansicht sein, momentan werde die kommunale Ästhetik durch Einbau von LED-Leuchten ruiniert. Andererseits gibt es Community-Aktionen, die aus hässlichen Vorgaben das Beste machen. So ist wenige hundert Meter entfernt vom Ort des Rasenexperiments ein beschmiertes, wild beklebtes Trafohaus im kickelbunten Bilderbuchstil bemalt worden. Den gemeinen Kubus nimmt man seitdem vor lauter Wandgemälde kaum wahr, die Illustration zeigt ein Zimmer, einen Teddy, Pflanzen, ein gemaltes Rad vorm offenen Fenster. Schildchen im Bild bitten, nichts anzupappen. Eine Zeit lang ging das gut. Jetzt hat die Stilgemeinschaft der inkontinenten Graffiti-Narzissten ihre Erstmarkierung aufgesprüht.

Auf unserer Versuchswiese dagegen, eine Straßenecke weiter, scheint bislang alles im grünen Bereich. Seit kurzem hält dort kein Behelfszaun mehr den zerstreuten Egomanen (in uns allen!) von fußläufiger Rasenschändung ab. Nur ein Metallband, über das hinwegzustaksen wäre, begrenzt die Grasfläche, wird aber noch respektiert. Freilich bleibt die Saatschneise vom Vorjahr erkennbar: eine Einladung, sich an das Experiment des Umdenkens zu erinnern – oder die kleine Grenze doch wieder zu überschreiten. Gibt es überhaupt Leben ohne Grenzüberschreitung? Fordert das Charlottenburger Test-Setting unsere Wertegemeinschaft heraus? Wäre es, andererseits, statt im Anschluss gleich eine Annexion der Krim zu befürchten, nicht entspannender, kleine Territorialverstöße zu tolerieren? Oder ermutigt das Okkupanten? Die Sanktion „Staatsbürgerschaftsentzug für Rasenquäler“ überzeugt jedenfalls nicht, am pädagogischen Konzept wird noch gefeilt.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben