Berlin : Chatwin-Biografie: Der Autor dreht den Spieß um

ded

Die Menschen kamen am Mittwoch in die Buchhandlung "Chatwins", um sich die frisch erschienene Biografie der Schriftsteller-Ikone signieren zu lassen. Und sie fanden mit dem Autor Nicholas Shakespeare am Signiertisch jemanden sitzen, der plötzlich ebenso schillernd schien: Ein Diplomatensohn entdeckt in sich das Fragen, wird Journalist, berichtet für die BBC aus Lateinamerika. Eine von vielen faszinierenden Begegnungen ist die mit Bruce Chatwin, den er in den folgenden Jahren mehrmals wiedertrifft. Es vergeht nicht viel Zeit, da hat der Schriftsteller Shakespeare um sich herum eine Atmosphäre gespannten Zuhörens aufgebaut. Ehe man sich versieht, hat er den Spieß umgedreht. Es sind jetzt die Leser, die dem neugierigen Autor Rede und Antwort stehen. Shakespeare wirft einen Köder, die Leute vergessen ihre Fragen, ein Gespräch entsteht, und kein einziger, der sich ein Buch signieren ließ, der nicht etwas von sich selbst erzählt hätte.

Diese unbedingte Neugier hinter dem Signiertisch würde man eher einem Journalisten zutrauen, dem das Fragen zur zweiten Natur geworden ist. "Auch Bruce Chatwin konnte erst Schriftsteller werden, nachdem er für die Sunday Times gearbeitet hatte. Denn da hatte er Deadlines." Da hat er etwas mit Shakespeare gemein. Es reiche nicht aus, zehn Artikel hintereinander zu reihen. Ohne die Zeit als Journalist hätte er jedoch nie genug Material zum Schreiben gehabt: "Man kann sich nicht einfach hinstellen, und mit zwanzig ein Buch schreiben - man muss den Tank füllen, bevor man fahren kann". Shakespeares Tank ist voll, voller Geschichten, und er fährt damit ganz gut. Unterdessen klingelt die Kasse im Chatwins regelmäßig. Der Käufer der Chatwin-Biografie weiß noch nicht, dass er gleich eine ganze Menge von sich selbst erzählen wird.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben