Berlin : Cheap Tricks

Neuer Laden bietet englische Secondhand-Bücher – und dazu eine Tasse Tee

Sebastian Krüger

Al Garvie steht in der Tür und wippt auf den Zehen und ist ganz umwölkt: In der einen Hand hält er eine dampfende Teetasse, in der anderen qualmt eine Zigarette. Über ihm baumelt „Books“ – ein Schild mit ausgesägten Holzbuchstaben. Aber auch ohne das Schild ist das Haus, in dem sich der Buchladen befindet, nicht zu verfehlen: Es ist eines der letzten unsanierten Gebäude in der Friedrichshainer Schreinerstraße.

Der Laden heißt „East of Eden“, nach einem Roman von John Steinbeck. Der Fußboden knarzt, es riecht nach alten Büchern. Pappschilder hängen über voll gestopften Regalen: Fiction, History, Children, Classics, Poetry. In der Mitte des Vorderraumes steht ein wuchtiges, durchgesessenes Sofa. Al Garvie is Engländer, er stammt aus Ipswich an der Ostküste. Nach seinem Studium reiste er durch Europa, in Berlin blieb er hängen, „weil das Bier billig war“. Er arbeitete als Möbelträger, nach einem Unfall lag er lange Zeit eingegipst herum. Damals las er alles, was ihm in die Finger kam – am liebsten natürlich auf Englisch. Und dabei fiel ihm etwas auf: Es gibt in Berlin zu wenig bezahlbare englische Bücher. Manchmal musste er wochenlang auf ein neues Buch warten, weil es gerade noch jemand anderes las. Und als er das Gipskorsett los war, wollte der diesem Missstand ein Ende bereiten. Zwei Freunde wollten ihm helfen: der Schotte Mark Mulholland und der Amerikaner Phil Hickey aus New Mexico. Mark, ein schlaksiger Typ mit Dreitagebart, beschafft die Ware: Regelmäßig fährt er nach Schottland und holt die Bücher kistenweise her. Sein Vater, ein pensionierter Buchhändler, grast für die Jungs in Berlin regelmäßig Buchmessen in Glasgow und Umgebung ab. „Wir sind mehr ein secondhand-bookshop als ein Antiquariat“, sagt Mulholland. „Die Leute wollen meist einfach was Englisches zum Lesen kaufen.“

Doch in einem der Regale finden sich auch dunkle Folianten mit vergoldeter Rückenschrift, die sie übers Internet verkaufen. Wer von den drei Mittdreißigern Dienst an der Kasse hat, tippt deren Titel in die Online-Datenbank ein. Eine langweilige Arbeit, von der sich die Büchernarren nur allzu gern ablenken lassen: Bereitwillig machen sie für jeden Besucher, der sich mehr als nur umsehen will, eine Tasse Tee und setzen sich mit ihm auf das große Sofa. Die meisten Kunden sind aus dem englischsprachigen Ausland. Die wenigsten kaufen etwas – von dem, was der Buchladen abwirft, können die drei nicht leben. Al Garvie betreut drei Tage pro Woche Behinderte für einen Pflegedienst. Mulholland und Hickey sind Musiker. Hickey zieht abends mit seiner Gitarre durch die Kneipen.

Mehrmals im Monat gibt es im Hinterzimmer des Buchladens Singer-Songwriter-Konzerte oder „Creative Tensions“- Abende. Ein kleiner Podest wird zur Bühne, auf der Mulholland Musik und Hickey selbst gemachte Gedichte vorträgt, dann sind die Zuschauer dran, wenn sie wollen, und aus der Küche, wo sonst der Tee zieht, werden Rotwein und Bier gereicht. Tee gibt es dann nur noch auf Anfrage.

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