Berlin : CHECKPOINT CHARLIE Als der Staudamm brach

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Der Checkpoint Charlie – ein ganz besonderer Ort: Hier war der Seismograph für das Verhältnis zwischen den beiden Großmächten USA und UdSSR. Deren Panzerrohre standen sich direkt gegenüber, aber kein Iwan oder Bill, weder John Fitzgerald noch Nikita Sergejewitsch verloren damals die Nerven. 28 Jahre lang war die Grenze mitten in der Friedrichstraße nur Diplomaten oder ausländischen BerlinBesuchern vorbehalten, aber dann, am 10. November 1989, brach auch hier der Staudamm. Die bis zu diesem Moment privilegierten Benutzer der Slalomspuren sahen sich plötzlich in die Warteschlange gedrängt und von glücksbesoffenem Volk umzingelt, das heftig auf die Motorhauben von Trabbis trommelte und damit signalisierte: Hey, Westen, wir kommen!

Die Abfertigungshäuschen waren zu Stempelbuden umfunktioniert. Nie gab es eine sehnsuchtsvollere Schlange als die vor dem plötzlich so volksfreundlichen Zöllner, der den Leuten mit einem Stempel in den Ausweis half, so schnell wie möglich in den Westen (und zurück) zu kommen. Bald aber wollte niemand mehr Ausweis und Stempel sehen, wir gingen rüber und ’nüber, stiegen an der Kochstraße in den 129er Bus und fuhren zum Ku’damm zur satten Befriedigung gewisser Nachholbedürfnisse. Plötzlich war alles, was zu diesem Grenzübergang gehörte, überflüssig geworden. Selbst der weiße Strich auf der Fahrbahnmarkierung, den sich ein pfiffiger Mensch mitsamt dem Pflaster unter den Nagel riss.

Eines Tages ließen die Leute ihre Wut an der leer geräumten Baracke aus, zerschlugen die Scheiben, demolierten, was zu demolieren war. Das war das Ende des Checkpoint Charlie, der mit Senatsjubel an einen amerikanischen Investor verkauft, aber nie bebaut wurde. Die Mauer musste weg! Nun ist sie wieder da. Lo.

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