Berlin : Checkpoint Charlie: Kalter Krieg im Mauermuseum

Amory Burchard

Morgens um neun ist es ruhig im "Haus am Checkpoint Charlie". Im Jahr kommen 600 000 Gäste in das zweiterfolgreichste Museum Berlins. Jetzt sind vier junge Leute im ersten Saal. Es ist Zeit, kritisch hinzuschauen. Denn die Leitung des Museums, Gründer Rainer Hildebrandt und seine Frau Alexandra, ist jetzt erneut in die Kritik geraten. Nach dem Eklat vom August 2000 um einen Finanztransfer in Millionenhöhe (siehe nebenstehenden Bericht) geht es jetzt um kleinere Beträge. Wie berichtet, weigert sich die Bundeszentrale für politische Bildung, nicht vereinbarte Referenten-Honorare nachzuzahlen - und sperrte dem Museum vorerst den 50 000 Euro-Etat für 2002.

Bei einem Besuch des Museums zeigt sich, dass es mehr Probleme gibt. Schon der erste Eindruck ist nicht gut: Die einleitenden Text-Bild-Tafeln über die Geschichte des Mauerbaus sind arg verstaubt, die Wände speckig von zahllosen Schüler-Schultern. Ein Jugendlicher nutzt die morgendliche Ruhe, um einen der ausgestellten Mauer-Fluchtapparate zu begutachten. Ein Sitzgurt, ein Holzrädchen auf einem Seil, an dem die Flüchtlinge rübergezogen wurden. Ob sich das Rad nach 60 Jahren noch dreht? Ja, der Junge spürt die Geschichte unter seinen Fingern. Eine Aufsicht gibt es nicht.

Weitere Räume des Museums sind in einem besseren Zustand. Die neuen Räume mit der Ausstellung über den gewaltfreien Widerstand und das Panoramazimmer über dem ehemaligen Checkpoint sind frisch gestrichen. Aber auch dort wacht keine Aufsicht über die wertvollen Exponate. Jemand hat den gesicherten Griff eines Notausgangs gedrückt. Der Alarm piept, lange kommt niemand.

"Wir sind unterbesetzt, überbeschäftigt und unterbezahlt", sagen Mitarbeiter an strategisch wichtigen Punkten wie Kasse und Garderobe. Für eine Aufsicht gebe es keine Leute mehr. Im September habe Alexandra Hildebrandt vier von 14 Mitarbeitern entlassen. Der Museumsshop sei seitdem geschlossen, die Cafeteria gar seit eineinhalb Jahren nicht mehr bewirtschaftet. Der Unmut der Mitarbeiter richtet sich gegen die Chefin. Mit scharfem Ton, harter Hand und oft irrational erscheinenden Maßnahmen soll sie das Haus regieren.

Nicht nur die Mitarbeiter murren. Auch langjährige Freunde des Museums machen sich ernste Sorgen um das Haus am Checkpoint Charlie. "Es gibt viele Widerstände gegen Alexandra Hildebrandt", sagt ein Zeitzeuge der Gründungsära. Der 87-jährige Direktor sei mit der Situation völlig überfordert und nicht mehr in der Lage, "einen klaren Schnitt zu machen." Das Museum brauche einen qualifizierten Geschäftsführer und müsse wieder in die öffentliche Förderung kommen.

Alexandra Hildebrandt, stellvertretende Vorsitzende des Trägervereins Arbeitsgemeinschaft 13. August, will von alledem nichts wissen: "Seitdem ich mitarbeite, geht es dem Haus wesentlich besser." Die Leute, die sich ständig Sorgen um das Museum machten, "nehmen uns nur die Zeit zu arbeiten." Das Haus werde kompetent geführt: Von ihrem Mann, der noch immer täglich bis zu 14 Stunden arbeite, und von ihr, die in ihrer Heimatstadt Kiew Elektronik, Kunstgeschichte und Malerei studierte. Sie sei für die Gestaltung des Museums zuständig, mache Ausstellungen und entwerfe neue Artikel für den Museums-Shop - "mit großem Erfolg". Außerdem beschäftige das Museum einen Buchhalter, einen Personalchef, einen Graphikdesigner und Kunsthistoriker. "Entlassungen" habe es nicht gegeben, gegangen seien "Saisonkräfte", die im Winter nichts zu tun gehabt hätten. Den Museumsshop habe sie vorerst geschlossen, weil er nicht wirtschaftlich sei, ebenso wenig wie die Verpachtung der Cafeteria. Über diese wirtschaftlichen Fragen wolle sie "in Ruhe nachdenken", sagt Alexandra Hildebrandt.

Bei aller Kritik, wie sie auch immer wieder der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Wolfgang Templin übt, hat das Museum auch gewichtige Fürsprecher. Klaus Landowsky (CDU) ist ins Kuratorium gewählt worden, nachdem er dem Museum als Vorsitzender der Lottostiftung jahrzehntelang Zuschüsse für Ausbau und Kunstankäufe bewilligt hatte. "Ich bekenne mich zu diesem authentischen Museum Berlins und zum Lebenswerk Rainer Hildebrandts - bis heute", sagt Landowsky. Hildebrandt als Widerstandskämpfer in der NS-Zeit und Fluchthelfer nach dem Mauerbau gehöre zur "moralischen Elite Berlins". Die Zahlungen an Hildebrandt seien legitim, nachdem er das Museum jahrzehntelang aus eigenen Mitteln aufgebaut und sich dafür privat verschuldet habe. Dass der Verein seine Gemeinnützigkeit verlor und sein Vermögen somit nicht mehr ans Land Berlin fallen könne, sei "unter der derzeitigen politischen Konstellation" (Rot-Rot) ein Segen: "Hildebrandts Lebenswerk wäre vernichtet, wenn das Museum in die Zuständigkeit eines PDS-Kultursenators fiele."

Einen anderen alten Freund des Museums, den früheren Vorsitzenden des Kulturaussschusses im Abgeordnetenhaus, Dieter Biewald (CDU) hat die Bundeszentrale für Politische Bildung gebeten, in der Referentenfrage zu vermitteln. Es gehe darum, "alles zu tun, um das Image des Hauses zu bewahren", sagt Biewald, der auch Ehrenvorsitzender des Museumsvereins ist. Es interessiere ihn nicht, "was wer bekommt, sondern dass das Museum erhalten bleibt und man den alten Mann nicht beschädigt."

Alice Ströver, die neue grüne Vorsitzende des Kulturausschusses, will jetzt im Abgeordnetenhaus klären, "inwieweit das Land für geleistete Förderungen Regressansprüche" an den nicht mehr gemeinnützigen Museumsverein stellen kann. Das Haus am Checkpoint Charlie sei nach wie vor ein kulturelles Aushängeschild für Berlin, die Vorgänge dort aber "ausgesprochen undurchsichtig", sagt Ströver.

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