Berlin : China auf dem Laufsteg: Kaiser, Kleider und Kostüme

Holger Wild

Die Frühling/Herbst-Kollektion aus der Zeit der Kämpfenden Reiche (770-221 v. Chr.): Wickelkleider mit weiten Ärmeln, in klaren Farben und floral bestickt. Dazu komische Kopfbedeckungen; wie eine geöffnete Klappe steht es schwarz vom Hinterkopf ab. Doch das ist erst der Anfang. "Quer durch die Zeiten: China auf dem Laufsteg", das sind zweieinhalbtausend Jahre chinesischer Kostüme, eine Modenschau der ganz opulenten Art, voller Pracht, Dekadenz und Herrlichkeit. Mao, wenn er es sehen könnte, müsste im Mausoleum zu Staub zerfallen. Das Publikum in der Treptower "Arena" aber war am Donnerstag schlankweg begeistert.

Zum Thema Online Spezial: Asien-Pazifik-Wochen Originale Gewänder sind es nicht, die "36 bildschöne Frauen" (Pressetext) und einige Männer da vorführen. Aber gut nachgemacht, sind sie an Prunk kaum zu überbieten. Es treten auf Kaiser und Kaiserin, Mandarine und Adlige, einige Dienerinnen. Die Bauern dürften anderes getragen haben. Doch das macht sich natürlich nicht so gut auf dem maopao - dem "Katzen-Rennen", nämlich Catwalk.

Die Qin waren eine kriegerische Dynastie, mit Männern in Lederpanzern und schweren Stiefeln. Der Han-Kaiser trägt einen rechteckigen Hut, an dem vorne und hinten Perlenschnüre baumeln. Um 500 ging die noble Dame zu Hofe nur mit Schleppe und zwei meterlangen Vogelfedern an der Kappe. Überhaupt das Putzmacher-Handwerk: Es muss in China zu allen Zeiten gute Konjunktur gehabt haben. Am höchsten wuchsen die Hüte der Yuan, deren Kleidungs-Komment für die Herren ofenrohrartige Stempel auf dem Haupte vorschrieb. In der Tang-Dynastie (618-907) scheint auch die Friseurs-Kunst zu erster Blüte gereift zu sein: Über den Damen wölbt sich das Haar fast wie im europäischen Rokoko.

Satte, kräftige Farben wechseln mit erdigen. Die Muster sind ornamental, arabesk oder floral. Zu einer Zeit wallen die Kleider, Schärpen und Stolas, dann wieder fallen sie schwer, gerade und gravitätisch. Exquisit, exquisit, bleibt uns zu murmeln.

Mit der Qing-Dynastie endet die historische Schau. Es folgt: Folklore. Die nationalen Minderheiten - Tibeter, Mongolen, Uiguren, Li, Yi, Miao, Dai und so fort -, sie alle zeigen sich glücklich, ihre Eigenart in der Volksrepublik aufs Autonomste ausleben zu dürfen.

Zum Schluss Etui-Kleider heutigen Designs: Der Bogen ist geschlagen. Nur - wo blieb der Mao-Anzug?
Holger Wild

Nackte Körper, wo man angezogene erwartet, wirken meistens etwas peinlich. Schließlich ist es nicht leicht, sich im Adamskostüm vor eine Menschenmenge zu stellen. Die Lockerheit einer Inszenierung lässt sich damit jedenfalls nicht unterstreichen. Überhaupt ist es schwierig, auf dem Laufsteg Geschichten zu erzählen - es sei denn, sie ergäben sich aus den Kleidern selbst. Kleine Szenen, wie Ehepaare, die sich gegenseitig - aus welchen Gründen auch immer - auf die Wangen küssen oder Schauspieler, die Kinder spielen, die Matrosen spielen, wirken bestenfalls ablenkend.

Das Kaufhaus Galéries Lafayette, das sich wie kein anderes in Berlin um eine originelle Präsentation von Mode bemüht, setzt zum Beginn der Wintersaison auf das Thema Theater. Im gläsernen Kegel hängen bis 20. Oktober Kostüme, die der französische Modefürst Christian Lacroix für eine Theaterinszenierung von Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre" entworfen hat. Dazu gehört die Fotoausstellung "Le jeu du regard", in der Fabien Calcavechia seinen Blick auf Theatergebäude in ganz Europa zeigt. Ort und Kleider: Dinge, die im Theater eine untergeordnete Rolle spielen, sollen in den Mittelpunkt gerückt werden.

Dem Thema entsprechend war die Galamodenschau am Donnerstag als Verknüpfung von Theater und Mode gedacht. In Bezug auf die Kleider war das zweifellos gelungen. Stücke aus dem Kaufhaussortiment (darunter Kenzo, Louis Ferraud, Joop, Boss, Christian Dior) wurden zu Kostümen aus Schaubühne, Berliner Ensemble, Friedrichstadtpalast und Deutschem Theater kombiniert. Der Mann hinter diesem Teil der Inszenierung hieß Kristian Schuller, ein Schüler von Vivienne Westwood, der mehrere Jahrespräsentationen ihrer Studenten an der Hochschule der Künste organisiert hat. Die Meinungen zu den Kleider-Kostüm-Kreationen reichten von "befremdlich" bis "großartig"; in jedem Fall hatte die Präsentation mit einer herkömmlichen Kaufhausmodenschau nichts gemeinsam, da traut sich Galéries Lafayette erfreulich viel.

Doch eine ganz dem Leichten und Schönen zugewandte Sache wie die Mode hat es schwer in ernsten Zeiten. Olaf Fechner sagte letzte Woche seine Pelzmodenschau wegen der Terroranschläge in New York ab, bei Galéries Lafayette gab man sich trotzig: "Das Leben muss weitergehen". Die übliche große Party im Souterrain entfiel jedoch. So ging man früh, um die Spätnachrichten zu erwischen.
Susanna Nieder

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