China-Restaurant in der Voßstraße : Wo Hitler unterging

Die Wahrheit hinter der Ente: Mengling Tang aus China betreibt ein China-Restaurant in der Voßstraße, genau an dem Ort, wo einst Hitlers Neue Reichskanzlei stand.

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Betreibt ihr Restaurant "Peking Ente" an einem historisch bedeutsamen Ort: Wirtin Mengling Tang aus China.
Betreibt ihr Restaurant "Peking Ente" an einem historisch bedeutsamen Ort: Wirtin Mengling Tang aus China.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Wenn er das wüsste, der Führer, „dass ich hier ein- und ausgehe“ – Mengling Tang muss ein wenig lachen – „der würde sich im Grabe umdrehen.“ Aber so fern liegt der Gedanke gar nicht, und Frau Tang, die Berlinerin aus China, wird später sagen, dass sie stolz sei, hier ihr Restaurant „Peking Ente“ zu betreiben, am Ort, wo früher Hitlers Neue Reichskanzlei stand, die Regierungszentrale Nazi-Deutschlands, Voßstraße, Berlin-Mitte.

Eigentlich hat dieses Zusammentreffen nichts zu bedeuten. Die Neue Reichskanzlei, pompöse Machtrepräsentanz eines despotischen Verbrechers, fertiggestellt 1939, abgerissen 1945. Und die „Peking Ente“, gehobene chinesische Küche, seit 1999 untergebracht in einem DDR-Wohnblock der späten 80er Jahre. Die Gäste, die Mengling Tang über diese merkwürdige Koinzidenz aufklärt, staunen nur ungläubig. Manche glauben ihr tatsächlich nicht, sagt Frau Tang.

Um ihren Worten mehr Gewicht zu verleihen, hat Frau Tang für die Touristen noch zwei Schilder aufgestellt, „Berlin Voßstraße-History“, darauf sind die Standorte von Reichskanzlei, Führerbunker, Wertheim-Kaufhaus und Techno- Club Tresor mit den Jahreszahlen von Entstehung und Verschwinden aufgemalt. Offizielle Wegweiser gibt es nicht. Die Geschichte der Voßstraße bleibt schamhaft ausgespart. „Ich bin da offener“, sagt Mengling Tang. Sie stehe emotional über den zwölf Jahren des NS-Regimes. Dennoch ist sie keine unbeteiligte Außenstehende. Die 36-Jährige, bedachtsam und zupackend zugleich, hat selbst in einer Diktatur gelebt, bis sie 1994 nach Deutschland kam. In der Schule in Peking sollte sie aufschreiben, was sie über das Massaker am Tiananmen-Platz von 1989 dachte. Sie schrieb wie alle: „Eine konterrevolutionäre Bewegung, die niedergeschlagen wurde.“ Eigentlich wusste sie es besser. „Ich habe mitgemacht und schäme mich nicht deswegen.“

Ihre Eltern flüchteten nach dem Massaker nach Deutschland und holten ihre Tochter 1994 nach. Mengling Tang war zunächst alles andere als einverstanden, aber sie gehorchte. Geschichte hätte sie gerne studiert, aber der Vater entschied, dass sie Informatik lernen sollte. „Kinder widersprechen nicht. So ist die chinesische Tradition.“ Erst langsam hat sie sich von ihrer kulturellen Prägung und zuletzt auch von ihren Eltern emanzipiert. Inzwischen ist Mengling Tang die Chefin in der Peking Ente. Ihr Vater hat sich zurückgezogen. Im Restaurant hat Mengling Tang eine sechs Meter lange Fotoreproduktion aufgehängt. Sie zeigt einige hundert dunkel gekleidete Damen und Herren, darunter Mao Zedong und den Dalai Lama, auf der konstituierenden Sitzung des Chinesischen Bundesrats von 1954. Ein Dokument demokratischer Selbstfindung nach Jahrzehnten von Krieg und Fremdherrschaft. Und eine Illusion.

Letztlich habe ihr Vater China wegen der Unfreiheit verlassen, sagt Mengling Tang. Freiheit und Toleranz, das sind die Begriffe, deren Inhalt sie erst in Deutschland verstanden hat. Es hat eben doch etwas zu bedeuten, dass Mengling Tang lebt und arbeitet, wo Hitler einst unterging. Die Peking Ente mit „echter chinesischer Küche“, die den ehemaligen SPD-Chef Kurt Beck, Schriftsteller Wladimir Kaminer und Entertainerin Barbra Streisand zu ihren Verehrern zählt, auf den Grundmauern von Hitlers ehemaliger Machtzentrale. Ein gutes Omen.

Hitlers Neue Reichskanzlei entstand zwischen 1938 und 1939 auf einer Gesamtlänge von 420 Metern auf der Nordseite der Voßstraße. Dafür wurden sämtliche Gebäude bis auf das Palais Borsig, Voßstraße 1, abgerissen. Das Palais wurde in den Baukörper integriert. Die Ausstattung war modern. Im Berliner Adressbuch von 1940 ist die Neue Reichskanzlei unter „Voßstraße 6“ eingetragen. Unter „Voßstraße 1“ firmierte bis 1938 Hitlers „Präsidialkanzlei“. Heute ist dort die Peking Ente von Mengling Tang zu finden.

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