Berlin : Chinesen erobern Berlin – und bekommen ihren eigenen Shop

Lothar Heinke

Von wegen: Die Chinesen kommen. Nein, sie sind schon da! Zu zweit oder im Kollektiv schlendern sie höflich lächelnd durch die Musentempel und Einkaufsschluchten der Hauptstadt, fotografieren immerzu und machen einen quicklebendigen, von all’ den einstigen kulturrevolutionären Geistern verlassenen Eindruck. Im vorigen Jahr kamen genau 26493 Besucher aus dem Reich der Mitte, das waren fast 40 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Und 2005 waren schon wieder fast 10000 da. Der Überseemarkt, sagt die Berlin Tourismus Marketing-Gesellschaft BTM, sei schier unerschöpflich.

Einer Hochrechnung der Pacific Asia Travel Association zufolge werden in drei Jahren „mindestens 50 Millionen Volkschinesen“ im Ausland Urlaub machen. Chinesische Fluggesellschaften fliegen womöglich 2006 direkt nach Berlin. Es geht also richtig zur Sache, seid bereit!, denn „natürlich kommen immer mehr Chinesen nach Berlin, weil die Hauptstadt eines Landes für sie stets der wichtigste Anlaufpunkt ist“, sagt Andrea Talevski von der BTM. Gemeinsamkeiten Berlins mit Peking? Die Mauer. Die Panda- und die Buddy-Bären. Eine Städtepartnerschaft. Und seit gestern kann nun auch mit einem Shop geworben werden, in dem sich jeder Volkschinese heimisch fühlen mag, weil er von einem Landsmann am Pariser Platz willkommen geheißen wird.

Im ersten Stock des linken Torhauses, direkt über der BTM-Auskunfts- und Souvenirverkaufsstelle, eröffnete ein „German Style Shop“ mit deutschen Waren, die die Chinesen ins Herz geschlossen haben. Yu Fan, der Chef, weiß genau, was seine Leute wünschen: „In Frankreich kaufen wir Parfüm, in Italien Leder, in Österreich Glaskunst, in München Kuckucksuhren.“ 2000 Dollar plant der Chinese im Reisebudget für Mitbringsel an Familie und Freunde; wer ohne Geschenke aus Europa kommt, kann nämlich gleich wieder kehrt machen. Shopping gehört zur Reisefreiheit.

Was aber gibt es denn nun als typisch deutsches Produkt im Häuschen am Berliner Tor? Stahlwaren! „Die sind in ganz China immer so herumgesprochen“, meint Yu Fan in gebrochenem Deutsch: Taschenmesser, Soldatenmesser, Küchenmesser in allen Größen, Korkenzieher, Edelstahlseifenstücke, Scheren – alles schärfstens zu empfehlen. Die Scheren sollten möglichst so exotisch sein wie ein goldenes Exemplar, das einem fliegenden Kranich ähnelt, mit dem man Brücken einweihen und Haare aus der Nase schneiden kann. Und bei den Messern gilt die Devise: Je teurer, desto besser, Billiges haben wir selber genug.

In dem Shop gibt es statt Mauerbrocken oder Dosen voll Berliner Luft knallrote Basecaps mit dem Wort „Berlin“ in chinesischen Schriftzeichen. Berliner Lieder auf CD muss man sich einen Stock tiefer kaufen. „Shopping“ ist zwar international – aber wie übersetzt man unsere Marlene, wenn sie singt: „Ja, nach meene Beene is janz Berlin varückt“?

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