Chinesische Botschaft : Tiananmen-Massaker: Erinnerung unerwünscht

Nur einige Schüler demonstrierten am Jahrestag des Tiananmen-Massakers vor Chinas Botschaft. Das Ereignis wird in der chinesischen Auslandsgemeinde grundsätzlich kaum besprochen.

Patricia Hecht

Rund 50 junge Demonstranten zwischen 17 und 22 Jahren versammelten sich am Donnerstag vor der chinesischen Botschaft in Mitte und forderten auf Transparenten die Freilassung inhaftierter Dissidenten. Der Initiator des Protests, Pfarrer Roland Kühne, und die Schüler eines Berufskollegs waren aus dem nordrhein-westfälischen Kempen angereist, um am 20. Jahrestag des Massakers auf dem Pekinger Tiananmen-Platz ihre Meinung kundzutun. Chinesen hätten sich ihrem Protest aber nicht angeschlossen, sagt Kühne. Auch Film- und Diskussionsabende zum Thema, die in den Tagen rund um den vierten Juni in Berlin stattfanden, waren zum Teil zwar von Chinesen besucht, wurden zumeist jedoch von Deutschen organisiert.

Rund 6000 Chinesen waren Ende 2008 in Berlin gemeldet, darunter 1000 Studenten. Mit einigen von ihnen hat der Tagesspiegel über den 4. Juni gesprochen. Wie Zhang etwa, 29, der als Chemiker nach Berlin gekommen ist. Zwar kenne er hier rund 50 weitere Chinesen, sagt er. Von Veranstaltungen wisse er jedoch nichts. Das Ereignis werde in der chinesischen Auslandsgemeinde grundsätzlich kaum besprochen. „Westliche Leute fragen gern danach“, sagt Zhang, „aber unter Chinesen ist das Thema nicht sehr populär.“

Das bestätigt auch Li Si, 37, die als Chinesisch-Lehrerin in der Stadt arbeitet. Zwar beurteile sie die Ereignisse durchaus kritisch, die Regierung hätte damals nicht schießen lassen dürfen. Ihr persönliches Interesse am Jahrestag sei jedoch gering. Man müsse berücksichtigen, dass sich die Situation in China deutlich verbessert habe, meint Li – sowohl was die freie Äußerung von Kritik als auch was die wirtschaftliche Situation im Land angehe.

Lin Weng arbeitet seit drei Jahren als Korrespondent für eine chinesische Tageszeitung in Berlin. „Die Situation 1989 war sehr kompliziert“, sagt er, „welche Regierung handelt da schon richtig?“ Man solle aufhören, ständig darüber zu reden, sagt Lin Weng – das helfe nicht weiter.

Diese Haltung sei unter Auslands-Chinesen verbreitet, sagt Hans Kühner, Professor für Literatur und Kultur des modernen China an der Humboldt-Universität: „Die Bereitschaft, sich hier als Kritiker des Systems zu exponieren, ist gering.“ Zum einen wolle man keine Schwierigkeiten bei der Rückkehr bekommen. Auch solidarisierten sich Chinesen im Ausland oft stärker mit der Heimat. Die Berichterstattung in westlichen Medien werde nicht erst seit Olympia als Hetze wahrgenommen. Man fühle sich starker Kritik ausgesetzt, das passe nicht zur chinesischen „Erfolgsstory“ der letzten Jahre. Die Ereignisse vom Juni 1989 würden daher auch im Ausland schamhaft verschwiegen.

Offen kritisch äußert sich jedoch eine Anhängerin der Falun-Gong-Gruppe, einer in China verfolgten Meditationsbewegung. Sie habe das Ereignis als Schülerin in Peking erlebt, sagt Chen Zhou, 36, habe es damals aber noch nicht verstanden. Es sei nicht akzeptabel, dass die Regierung die Ereignisse bis heute vertusche.

Auch Chen Zhou weiß von keiner chinesischen Veranstaltung zum Jahrestag des Tiananmen-Massakers in Berlin. Vor einer Woche jedoch, erzählt sie, sei sie beim Konzert einer chinesischen Exil-Band gewesen. Die Musiker hätten kritische Songs auch über den 4. Juni gesungen. Patricia Hecht

Die Namen der chinesischen Gesprächspartner wurden auf ihren Wunsch geändert.

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