Cholesterin und Gesundheit : Jenseits von Gut und Böse

Cholesterin hat ein schlechtes Image. Zu Unrecht! Denn Blutfett ist nicht gleich Blutfett. Und was das mit Laborwerten und Lebensstil zu tun hat.

Leonard Hillmann
Lebensstil und Ernährung werden auch im Zusammenhang mit Cholesterin diskutiert.
Lebensstil und Ernährung werden auch im Zusammenhang mit Cholesterin diskutiert.dpa

Harald Voigtländer (Name geändert) geht zur Vorsorgeuntersuchung. Dabei kommt heraus, dass seine Blutfettwerte erhöht sind. Der Arzt meint, das sei ein Risikofaktor für schwere Herzerkrankungen. Voigtländer müsse seinen Lebensstil ändern, um die Werte zu senken. Doch im Fernsehen hieß es, ohne Cholesterin könne der Mensch gar nicht leben. Und der 54-jährige Berliner selbst fühlt sich völlig gesund – was soll er nun glauben?

Wie Voigtländer geht es vielen Patienten: Nach der Untersuchung bleiben jede Menge offene Fragen zu den Laborwerten, die sie gerade erfahren haben. Für das Cholesterin wollen wir an dieser Stelle einige Fragen beantworten.

„Im Blut lässt sich sowohl die Gesamtkonzentration von Cholesterin bestimmen, als auch dessen Unterformen", sagt Hartmut Kühn, Professor für medizinische Biochemie an der Charité. Und diese beiden Unterformen sind durchaus gegensätzlicher Natur. Das LDL-Cholesterin wird oft als schlecht bezeichnet, während die HDL-Form als gut gilt. HDL ist die Abkürzung für „high density lipoprotein“, LDL steht für „low density lipoprotein“ – gemeint ist die hohe oder niedrige Dichte von speziellen Transportvehikeln, die über die Wirkung des Cholesterins im Körper entscheidet.

Cholesterin kommt in tierischen Lebensmitteln vor, aber der Körper bildet es auch selbst, vor allem in der Leber. Es ist Bestandteil von Zellmembranen und Vorstufe von Hormonen, der Gallensäure und von Vitamin D. „Aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung ist es nicht wasserlöslich und schwimmt deshalb nicht von allein im Blut“, sagt Kühn. Es braucht also Transporter, sogenannte Lipoproteine. Deren Eigenschaften sorgen für den entscheidenden Qualitätsunterschied: Mittels des schlecht beleumundeten LDL gelangt Cholesterin in alle Körperbereiche, wo es als lebenswichtiger Zellbaustein dient, also nicht nur schadet. Zum Problem wird es erst, wenn es sich in Gefäßwänden anreichert.

Böse wird das "böse" Cholesterin erst, wenn zuviel davon da ist

Das „gute“ HDL hingegen führt Cholesterin-Überschüsse zurück zur Leber, wo sie zu Gallensäure verstoffwechselt und somit ausgeschieden werden. Es stimmt also schon: HDL wirkt sich durch den Cholesterin-Rücktransport zur Leber per se positiv aus, LDL durch die Cholesterin-Anreicherung in den Organen eher negativ auf den Körper – dennoch braucht man beide Formen. Böse wird das „böse“ Cholesterin erst, wenn zu viel davon da ist. Denn dann lagert sich überschüssiges LDL unter der Innenauskleidung von Arterien ein. „Daraufhin werden körpereigene Fresszellen aktiviert, die das überschüssige LDL aufnehmen und abtransportieren wollen“, sagt Biochemiker Kühn.

Wenn diese Zellen zu groß werden oder gar platzen, bilden sich gefäßverengende Fettablagerungen in den Arterienwänden aus. Diese so genannten Plaques verengen den Gefäßdurchmesser, so dass das Blut immer schlechter zirkulieren kann. „Reißt eine Plaque ein, lagern sich an diesen unebenen Stellen sehr schnell Blutplättchen an und die Blutgerinnung setzt ein“, sagt Kühn. Es entsteht ein Blutpfropf, der das Gefäß komplett verschließt. Sind die Herzkranzarterien betroffen, nennt man das Infarkt. Werden Gefäße am Hals oder im Gehirn verschlossen, heißt es Schlaganfall.

Mit Richtwerten ist das so eine Sache

Doch ab welchen Blutwerten wird Cholesterin zum Problem? Mit den Richtwerten ist das so eine Sache. Denn es gibt keine Beweise dafür, dass unterhalb einer bestimmten Grenze alles in Ordnung ist und darüber sofort der Herzinfarkt droht. „Die Empfehlungen basieren auf statistischen Mittelwerten, die bei vermeintlich gesunden Bevölkerungsgruppen erhoben wurden“, sagt Biochemiker Kühn.

Aus klinischen Erfahrungen und Studien weiß man aber, dass gesenkte Cholesterinspiegel für eine verringerte Herzinfarktrate sorgen. Wie weit man die Werte jedoch drücken sollte, darüber wird oft kontrovers diskutiert (siehe Erklärung unten).

Um die Blutfettsenker entbrannten in den letzten Jahrzehnten regelmäßig Debatten, da die Richtwerte für das Gesamtcholesterin immer wieder gedrosselt wurden – zuletzt von 220 auf 200 Milligramm je Deziliter Blut. „Inwieweit diese Richtlinienverschärfung klinisch effektiv ist, wird die Zukunft zeigen“, sagt Kühn. Er hofft, dass diese geänderten Empfehlungen zumindest langfristig für weniger Erkrankungen sorgen.

Um schweren Folgeschäden vorzubeugen, setzen also Ärzte auf die Faustregel „weniger LDL, mehr HDL“ für ihre Patienten. Dazu verschreiben sie ihnen oft Arzneimittel, die sogenannten Statine. „Diese sind als Hemmstoffe der körpereigenen Cholesterinproduktion entwickelt worden“, sagt Biochemiker Kühn.

Statine sind zweifellos eine der schärfsten Waffen im Kampf gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, haben aber auch unerwünschte Nebenwirkungen: Berichte von Kopfschmerzen bis hin zur Muskelauflösung im Extremfall sind bekannt.

Zudem vermittelt ihre Einnahme fälschlicherweise eine trügerische Sicherheit nach dem Motto: Wozu soll ich meinen Lebensstil ändern, wenn mich meine tägliche Pille beschützt? Doch wer sie einnimmt, darf trotzdem nicht auf Sport und gesunde Ernährung verzichten.

Eine einfache Umstellung der Lebensweise, so wie es der Arzt seinem Patienten Harald Voigtländer empfohlen hat, kann auch erst einmal ohne Medikamente sehr wirksam sein. Denn gerade die Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten können die Cholesterinwerte positiv beeinflussen: Mit einer mediterranen Ernährung und zwei bis drei Stunden körperlicher Betätigung pro Woche – die wissenschaftlich nachgewiesen das Herz schützen – kann man den Gefäßen viel Gutes tun. Ein Glas Wein pro Abend ist erlaubt, auf Nikotin sollte man aber gänzlich verzichten. Das nennt man einen gesunden Lebensstil.

Was ist gesund? Der Gesamt-Cholesterinspiegel im Blut sollte 200 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) nicht übersteigen. Es gibt zwei Unterarten von Cholesterin: das „gute“ HDL und das „schlechte“ LDL. Die Richtgröße für das LDL-Cholesterin liegt bei Gesunden mit einem geringen Risiko für Herzkrankheiten unter 160 mg/dl.

Bestehen Risikofaktoren, wie Übergewicht, Nikotinkonsum, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie, sollten es unter 130 mg/dl sein. Und weniger als 100 mg/dl sollten der Wert betragen, wenn es schon mal einen Herzinfarkt oder Schlaganfall gegeben hat. Beim HDL sollen Werte von mehr als 40 mg/dl gemessen werden.

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