Berlin : Christian Richter (Geb. 1935)

Als ihn die NVA in ihre Reihen rief, nahm er den Wehrpass nicht entgegen

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Er gähnte nicht. Guckte nicht unauffällig auf die Uhr, darauf wartend, sein Vater möge mit seinen alten Geschichten zu einem Ende kommen.

Die Geschichten prägten sich dem Sohn ein, tief und ein für alle Mal. Die aus dem Ersten Weltkrieg, den sein 17-jähriger Vater mit lautem Hurra bejubelt hatte, in dem ihm bei einer Granatendetonation Körperteile seines besten Freundes um die Ohren geflogen waren. Und jene des noch grausameren Gemetzels des Zweiten Weltkrieges, in den er nicht mehr freiwillig gezogen war.

Die Rote Armee war bis nach Berlin vorgedrungen, so erzählte der Vater, ein betrunkener russischer Soldat taumelte durch die Straße, entdeckte die Richters und zielte mit seiner Maschinenpistole auf die Familie. Der Vater lief ihm entgegen, die Hände nach vorn gestreckt. Der Soldat ließ die Waffe sinken. Und die beiden Männer umarmten sich.

„Nie wieder Krieg!“ Der Satz wurde der entscheidende im Leben des Sohnes, Christian Richter. Nie war er hohl, nie dahingesagt, nicht bei ihm.

Als ihn die Nationale Volksarmee in ihre Reihen rief, nahm er den Wehrpass nicht entgegen. 1968, die Panzer der Warschauer-Pakt-Staaten rollten durch Prag, griff er sich einen Eimer graue Farbe, stellte sich auf den Kurt-Fischer-Platz in Pankow, sah sich noch einmal um, die Straßen waren leer, und begann die Worte „Hände weg von der CSSR“ auf das Pflaster zu pinseln. Da spürte er eine Hand auf seinem Rücken, drehte sich blitzschnell um. Eine Frau sah ihn freundlich an und sagte: „Entschuldigung, aber sie haben in ‚Hände’ das ,n’ vergessen.“

Am 13. August 1971, dem zehnten Jahrestag des Mauerbaus, zog er sich einen schwarzen Anzug an, setzte sich auf sein Fahrrad, fuhr in die Wollankstraße und hängte an den Grenzpfeiler einen Kranz mit einer Schleife: „In Gedenken an Blut und Tränen“. Die Staatssicherheit verhaftete ihn. Fünf Tage lang wurde er verhört, immer wieder dieselben Fragen und die Drohung: „Sie haben sich der Grenzverletzung schuldig gemacht, des Hochverrats, ist ihnen das klar!“

Aber Christian Richter, der das Kugelkreuz an einer Kette um den Hals trug, das Bekenntniszeichen der Jungen Gemeinde, blieb ruhig, gab auf die Fragen immer dieselben Antworten. Einzig seine friedliche Gesinnung wolle er zum Ausdruck bringen, allein sein christlicher Glaube führe ihn. Dann fügte er hinzu: „Ich bete auch für Sie und werde Ihnen helfen, sollte es einmal anders für Sie kommen.“ Die Anklage wurde fallen gelassen, der Vernehmer fuhr ihn höchstpersönlich bis vor sein Haus.

Dieses Haus am Kurt-Fischer-Platz, in dem nach der Befreiung seine Mutter russische Lieder für sowjetische Offiziere auf dem Klavier gespielt hatte, war auch später, als Christian Richter dort seine keramische Werkstatt eingerichtet hatte, ein offenes. Seine Kinder und deren Freunde streiften durch den verwilderten weiten Garten. Zweimal im Monat wurde musiziert. Künstler und Bürgerrechtler schauten vorbei. An eine Tafel am Zaun – hinter Glas, so leicht wollte er es den Genossen der Staatssicherheit doch nicht machen – pinnte er regelmäßig die Termine für den nächsten Ostermarsch oder Texte, in denen er seine Meinung zu den Waffenlieferungen der DDR an den Irak und den Iran kundtat. Er prägte in diesem Haus seine Schwerter-zu-Pflugscharen-Plaketten. Ende der achtziger Jahre stellte er in die Räume unterm Dach eine Druckerpresse, auf der die Bürgerbewegungen „Neues Forum“ und „Demokratischer Aufbruch“ ihre Schriften vervielfältigten.

Er erdachte und formte in seiner Werkstatt Taufleuchter, Taufbecken und Tierplastiken. Einige seiner Stücke drehte er so dünn, dass sie leicht waren wie Porzellan. Eine 82 Zentimeter hohe Bodenvase, nicht aus einzelnen Teilen zusammengesetzt, sondern aus einem einzigen Klumpen Ton gefertigt, war eine technische Meisterleistung.

Schon seine Grundschullehrerin hatte das, was ihn von seinen Klassenkameraden unterschied, erkannt und in seine Beurteilung geschrieben: „Der Christian Richter weiß vieles nicht, aber er weiß vieles, was andere nicht wissen.“

Also kein solider Beruf, keine Arbeit, für die man am Morgen das Haus verlässt und am Abend pünktlich heimkehrt. Maler wollte er werden und begann Unterricht bei dem Expressionisten Moriz Melzer zu nehmen, zeichnecte, modellierte den Hahn, die Katze, den Hund und den Esel aus den Bremer Stadtmusikanten. Eines Tages bat eine Keramikerin, ihn porträtieren zu dürfen. Als das Abbild seines jungen Kopfes vollendet war, hatte die anfänglich vage Idee eine klare und deutliche Gestalt angenommen: Keramiker musste er werden.

Er absolvierte eine Ausbildung an der Charlottenburger „Meisterschule des Kunsthandwerks“ – die Mauer stand noch nicht, man konnte noch zwischen Ost- und West-Berlin pendeln. Die Töpferei aber wollte er von Grund auf lernen und ging zu Heiner Hans Körting, einem der führenden Keramiker der DDR, in Thüringen in die Lehre und legte im Anschluss seine Gesellenprüfung in Bürgel ab. Wieder in Berlin, arbeitete er bei Eva Schulz-Endert und zog dann weiter zu der Keramikwerkstatt Grothe in Velten. Dann packte er seine wenigen Dinge und ging von Velten zu Fuß nach Marwitz zu Hedwig Bollhagen, der Keramikerin, die bäuerliche Traditionen mit der Ästhetik des Bauhauses verband und berühmt wurde für ihr gestreiftes Geschirr.

Hedwig Bollhagen erwartete Präzision, sie war keine, die viel lobte, man musste zeigen, was man konnte, jeden Tag. Christian Richter arbeitete hart – und fühlte das Glück. Seine Mutter war vier Jahre nach Kriegsende gestorben, sie fehlte ihm. Wenn er mit Hedwig Bollhagen zusammensaß, zusammen arbeitete, mit ihr sprach, klang etwas in ihm an, wie damals, als seine schöne, musische Mutter noch lebte.

Nach seiner Meisterprüfung und einer Anstellung als Betriebsmeister in Marwitz ging er zurück nach Berlin und gründete seine eigene Werkstatt.

Er experimentierte mit Formen und Farben, Glasur- und Brenntechniken. Er stellte Mitarbeiter ein. Absatzprobleme existierten in der DDR nicht, die Stücke wurden ihm aus den Händen gerissen, die Leute waren froh, wenn sie Teller und Tassen aus Ton ergattern konnten. Es war kein unangenehmes DDR-Dasein, das er führte, trotz der Gängeleien, trotz der politischen Umstände. Christian Richter hatte ein unglaubliches Glück: Ohne Zugeständnisse an den Machtapparat kam er unbeschadet durch die Zeit. Er nahm an Bürgerfesten teil, zeigte sich auf der pompösen 750-Jahr-Feier Berlins – und leitete zugleich die Junge Gemeinde, sang im Chor der Friedenskirche und predigte, wenn der Pfarrer mal verhindert war. Er tauschte das Kugelkreuz um seinen Hals gegen das Taizé-Kreuz, Zeichen der „Communauté de Taizé“, einem ökumenischem Männerorden, der für die Versöhnung in der Kirche und Vertrauen auf Erden betet, in dem das gerade Kreuz und die Form der weich geschwungenen Friedenstaube verschmelzen.

Jede Form von Unterdrückung, von Unfreiheit, von Gewalt ließen die Bilder seiner Kindheit wieder in ihm aufsteigen: die Uniformen, die martialischen Reden, die Einschläge der Bomben, die brennende Stadt, die jüdischen Kinder, die er gesehen hatte, als sie aus dem Waisenhaus in Pankow gezerrt und auf Laster gedrängt worden waren. „Gestatte mir“, sagte er Jahre darauf zu einem jüdischen Bekannten, „dass ich mit dir befreundet bin.“ Bei jedem anderen hätte das kitschig geklungen.

Im Herbst 1989 gehörte er zu denen, die die Sozialdemokratische Partei in der DDR aufbauten. Während der Gründung des Berliner Bezirksverbandes am 5. November in der Sophienkirche war die Stasi acht Stunden lang mit dabei. Alle Worte sind erhalten, auch die von Christian Richter. Es ist erstaunlich, wie weit sein Blick geht: „Ich töpfere seit etwa 30 Jahren diese Sammelbüchsen für ,Brot für die Welt’ und mache den Vorschlag, dass ein Zehntel der SDP-Gelder an ,Brot für die Welt’ gehen. Ich würde meinen Austritt erklären, wenn nicht mindestens zwei Prozent dabei rauskommen.“

Er trat nicht aus. Die politische Arbeit musste weitergehen, egal in welcher Gesellschaft. Weder die Rüstungsexporte der Regierung waren hinnehmbar, noch die Nutzung der Ruppiner Heide als Truppenübungsplatz.

Teller und Tassen aus Ton allerdings konnte man jetzt an jeder Ecke kaufen. Christian Richter gab die Werkstatt in Pankow auf und richtete eine neue in Schildow ein. Und ab und an stellte er sich noch, wie früher, auf seine Hände und lief so durch seinen Garten. Tatjana Wulfert

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