Berlin : Christiane Herzog ist tot: Souveräner als manch andere Präsidentengattin

Bernd Matthies

Eine Respektsperson, Beruf: Ehefrau. Pflichtbewusst und voller Selbstdisziplin, getragen von einem scheinbar antiquierten Rollenverständnis. Gefangen in der Rolle der ewigen Hausbesorgerin eines Karrieremanns? "Ich habe keine Rolle, ich habe eine Aufgabe!!!", hat Christiane Herzog auf derlei spitze Zumutungen entgegnet, stets mit vielen deutlich hörbaren Ausrufungszeichen. Aber durch resolute Selbstdarstellung allein hätte sie es nicht zur beliebtesten Deutschen nach Uschi Glas und Sabine Christiansen gebracht. Die Leute spürten, dass sich da jemand mit allen Kräften - und mit großem Erfolg - für andere aufrieb, für "die Menschen", wie sie immer wieder sagte. Hätte das Leben es so eingerichtet, dass sie Bundespräsidentin geworden wäre, ja, dann wäre sie auch eine gute Bundespräsidentin gewesen, von ähnlicher Statur und integrativer Kraft wie ihr Mann.

Gestern früh ist Christiane Herzog in München 63-jährig einem Krebsleiden erlegen, nach einem offenbar längeren Kampf, der der Öffentlichkeit bis vor wenigen Tagen verborgen war. Man könnte sagen: Die Art, in der dieser Tod privat blieb, abgeschottet von den Kameras und der Spekulationswut der Massenmedien, war typisch für eine Frau, die nichts mehr verabscheute als Klatsch und Tratsch. Undenkbar, dass sie je eigene Memoiren veröffentlicht oder vor einem Millionenpublikum im Stil von Hillu Schröder mit irgend jemandem abgerechnet hätte; sie nahm keine Orden, prunkte nicht mit Schmuck oder anderen Statussymbolen. Ihr Selbstbild in all den Jahren an der Seite des Karriere-Manns war das einer "berufstätigen Frau auf ehrenamtlicher Basis". Da es nun einmal dazu gehörte, traf sie sich also pflichtbewusst zu Tee und Gebäck mit den hochmögenden Gattinnen wichtiger Rotarier oder hoher Diplomaten. Dort allerdings nur die Bilder der Enkelchen herumzuzeigen - das hätte sie "zu tüttelig" gefunden. Folglich gab es neben erbaulichen Plaudereien Referate über Umweltverschmutzung und globale Armut.

Und natürlich über Mukoviszidose. Die Bekämpfung der seltenen, erblich bedingten Stoffwechselstörung war ihr eigentliches Lebenswerk. Mehr noch: Sie hat den meisten Deutschen überhaupt erst vor Augen geführt, dass es diese Krankheit gibt, die das Leben drastisch verkürzt und die Familien mit einer Fülle schwerster Pflegeaufgaben belastet. 1985 übernahm sie die Schirmherrschaft für die Kranken in Deutschland, ein Jahr später gründete sie die Mukoviszidose-Hilfe, die schließlich in die Christiane-Herzog-Stiftung mündete - kein Wunder, dass sie auch den Einfluss ihrer Stellung als Frau des Bundespräsidenten nach 1994 vor allem dazu nutzte, diese Arbeit voranzutreiben. Denn plötzlich, mit Amtsbonus, Dienstwagen und Chauffeur, ging alles so viel leichter als in den Jahren zuvor, in denen sie Zehntausende von Kilometern mit ihrem bescheidenen Ehefrauen-Zweitwagen herumgefahren war, um pro Jahr wenigstens eine halbe Million locker zu machen.

Christiane Herzog zeigte beim nun amtlich erleichterten Spendensammeln eine Medienwirksamkeit, die durchaus im Widerspruch stand zur ihr quasi angeborenen Dezenz und stilbewussten Zurückhaltung. Ob sie zum tausendsten Mal mitteilte, dass das Lieblingsgericht ihres Mannes die Rinderroulade sei, ob sie die Premiere einer scheußlichen Küchenuhr mit Motiven aus ihrem Kochbuch durch Anwesenheit adelte oder sich beim Dauersignieren von Büchern eine Sehnenscheidenentzündung holte: In die deutsche Geschichte ist sie eingegangen als erste Präsidentengattin, die systematisch die Möglichkeiten der modernen Medien nutzte, um ihre Botschaft durchs Land zu tragen. Zogen die Journalisten nicht richtig mit wie beispielsweise in Südamerika, wo sie Waisenhäuser besuchte und diese Anstrengung hinterher nicht ausreichend gewürdigt fand, wurde sie auch mal knatschig.

Der populärste Ausdruck dieser Inbesitznahme der Medien war zweifellos die eigene Fernsehsendung "Zu Gast bei Christiane Herzog", in der die gelernte Hauswirtschaftslehrerin zeigte, dass sie nebenbei auch gut kochen kann. Doch das öffentliche Brutzeln von Gänsebrust, Rinderroulade und Spätzle war nur der Aufhänger, eine populäre Nebensache, Mittel zum Zweck des Verkaufserfolgs der Bücher, mit denen die Stiftung finanziert wurde. Und dieser Erfolg trat ein, gerade weil sie nicht das hilflose Heimchen am Herd gab, sondern die souveräne Chefin, eine Identifikationsfigur mit Mut zum verständlichen, deutlichen Wort. Egal, ob Thomas Gottschalk kasperte oder Michael Schumacher brabbelte, ob ihr Helfer, der renommierte Küchenprofi Otto Koch, von ihren Handlungsanweisungen abzuweichen beliebte, immer war sie mit einer milden Zurechtweisung oder einem ironischen Einwurf auf der Höhe der Handlung, mit einer natürlichen Souveränität, die auch notorische Alles-Kritiker verstummen ließ. So kam es auch, dass die Bücher, die aus dieser Serie entstanden, nicht als Symbole guter Absicht in den Regalen herumstehen, sondern als Standardwerke aktueller deutscher Küche täglich im Einsatz sind. Einfach nur Bücher als Vehikel nehmen und mit irgendwelchen Rezepten vollschreiben - das wäre ihrem unerbittlichen Perfektionismus zu wenig gewesen. Ja, es fielen ein paar obskure Titel für sie ab - "Küchenfrau des Jahres 1998", "Fleurop-Lady 1998" - aber das waren Arabesken, die sie in Kauf nahm, wenn es denn der Sache zu dienen versprach.

Völlig egal war ihr dagegen, dass das intensive öffentliche Kochen auch das traditionelle Rollenbild der unbezahlten, an den heimischen Herd gefesselten Hausfrau zementieren könnte. Die Positionen und Kriterien feministischer Diskurse mögen ihr bekannt gewesen sein, beim Mitdiskutieren aber ließ sie sich nicht erwischen. "Ach, wissen Sie", sagte sie knapp, "auch Singles müssen kochen." Thema erledigt, weil kein Thema. Hätte ihr Mann eine weniger steile Karriere gemacht, wäre sie vielleicht irgendwann auch wieder in ihren Beruf zurückgekehrt, allerdings einfach so, ohne das als emanzipatorischen Akt zu begreifen. Derlei angestrengte Begrifflichkeit spielte einfach keine Rolle in dieser, wie man so sagt, musterhaften 42 Jahre langen Ehe zweier selbstbewusster konservativer Partner.

Landshut, Sommer 1958, rote Nelken, schwarze Haare: Die Braut, Christiane Krauß, Tochter eines evangelischen Gemeindepfarrers und Dekans, heiratet ihre Schülerliebe Roman Herzog. Der ist 24 und hat schon in Jura promoviert, sie ist 21 und im Besitz des Hauswirtschafts-Examens - alles nach den strengen Vorstellungen des Pfarrers Krauß, der eine Hochzeit ohne berufliche Basis nie erlaubt hätte. Perfekt. Dann fügen sich die Dinge auch weiterhin ganz und schier unaufhörlich nach den Träumen des erzkonservativen Milieus. Das erste Kind kommt schicklich ein Jahr nach der Hochzeit, Christiane Herzog gibt ihren Beruf auf, ihr Mann die Richtung an. Berlin, Speyer, Bonn, Stuttgart, Karlsruhe, Bonn, wieder Berlin.

"Allein erziehende Mutter mit einem Vater im Rücken" nannte sie dieses Leben in der Rückschau - manchmal müssen die Söhne im Zweifel gewesen sein, ob der merkwürdige Mann da im Wohnzimmer ihnen überhaupt etwas vorzuschreiben habe. Beide Eheleute traten im Abstand von wenigen Monaten in die CDU ein, ohne sich das gegenseitig mitzuteilen - ob das nun die Diskretion der Unabhängigkeit war oder einfach nur Mangel an Gesprächsterminen, ist nicht überliefert.

Es wäre indessen ein Fehler, aus diesem Lebenszuschnitt auf das Fehlen gegenseitiger Einflussmöglichkeiten zu schließen. Denn die Karriere des Prof.Dr. Roman Herzog vom Hochschullehrer in Speyer über verschiedene Ministerposten bis zum obersten Richter und ersten Mann der Republik ist ohne seine Frau überhaupt nicht zu ergründen. Auf die Frage, ob sie denn diese oder jene Rede ihres Mannes vorher gelesen habe, antwortete sie mit leicht hochgezogenen Augenbrauen: "Jede!" - mit einem Unterton, der die Frage nach eventueller inhaltlicher Mitarbeit überflüssig erscheinen ließ. Man habe alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam getroffen, sagte sie immer, und zu diesen wichtigen Entscheidungen zählte zweifellos auch die frühe Beschränkung Herzogs auf eine einzige Amtszeit.

In Rente mit 65 wie jeder normale Deutsche - das ist Roman Herzog ungefähr gelungen. Doch der Plan dahinter war der Wunsch nach einem unbeschwerten, unabhängigen Lebensabend gemeinsam mit seiner Frau, mal in München, mal in Rom. Diesen Plan hat die Krankheit durchkreuzt: Schlusspunkt eines Lebens, in dem sonst wohl fast alles gelungen ist.

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