Berlin : Christina Dürr (Geb. 1955)

Durfte sie der Frau helfen? Musste sie es nicht geradezu?

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Für ihren Lieblingssport brauchte es keine weiten Reisen. Immer wenn es Neuschnee gab, schnallte sich Christina nach dem Frühstück die Langlaufskier unter und drehte ein paar Runden in dem kleinen Park am Gasometer, gleich gegenüber ihrer Wohnung.

Der Schöneberger Kiez rund um die rote Insel war ihre Welt. Vor ein paar Jahren hatte sie mit einer großen Papierrolle und ihrem ansteckenden Lachen die ersten Nachbarschaftsversammlungen geleitet und versucht, ein bisschen Struktur in die oft chaotischen Sitzungen der Bürgerinitiative zur Planung des Geländes zu bringen. Von dort, aus dem alten Gasometer, sendet Günther Jauch heute seine Talkshow.

Die Nachbarschaft, die Hausgemeinschaft waren ihr wichtig, sie lud zu Tee oder Kaffee an ihren runden Küchentisch unter der großen, selbst gezogenen Bananenstaude. Die Pflanzen blühten bei ihr üppig und kunterbunt, und das lag nicht allein an ihr. „Mit ihren Würmern stand sie auf du und du“, erklärt ein Freund. Die Wurmkiste auf dem Balkon bekam im Winter einen besonderen Kälteschutz, und zu Geburtstagen verschenkte sie ihre gute Wurmerde im Beutel mit Schleifchen.

Wenn sie den Kiez verließ, durch Deutschland reiste und Vorträge hielt, ging es um ein völlig anderes Thema. Sie trug dann ein geheimnisvolles rotes Köfferchen mit sich und sprach über: „Das Recht auf Sexualität für Menschen mit Behinderungen“.

Christina Dürr arbeitete mit Leidenschaft als Ergotherapeutin. Nie in einer eigenen Praxis, Unternehmerin war sie ganz und gar nicht. Sie arbeitete mit erwachsenen Behinderten und zwar immer dort, wo diese lebten. In einer Wohngruppe der Berliner Spastikerhilfe in der Afrikanischen Straße war es geschehen, dass eine stark körperbehinderte Frau ganz direkt um Hilfe bat: Sie wollte sich sexuell befriedigen, war dazu aber selbst nicht in der Lage. Die Therapeutin besprach die Sache mit ihren Kolleginnen. Durfte sie der Frau helfen? Musste sie es nicht geradezu? Wenn ja, wie?

Ihre anfänglichen Skrupel, ein solches Thema überhaupt zu diskutieren, erledigten sich schnell durch den Wunsch der Bewohner nach mehr Offenheit und sogar Öffentlichkeit bei diesem Thema. Es folgten Podiumsdiskussionen mit „Pro Familia“, Juristen und Vertretern des Senats. Die Gefahr des Missbrauchs von Abhängigen stand gegen die Forderung nach Selbstbestimmung. Rechtlich gesehen machten sich die Betreuer sogar strafbar, wenn sie erklärte Wünsche der Betroffenen einfach ignorierten. Die Lösung: Hilfe zur Selbsthilfe. In Christinas kleinem roten Koffer fanden sich fortan ganz praktische Hilfsmittel aus Beate Uhses Sortiment.

Christina, die immer rote Wangen hatte, liebte es, sich bunt zu kleiden, ein Turban, eine afrikanische Tunika oder etwas Leuchtendes am Arm, ihre Kleiderschränke waren gefüllt mit vielen Farben. Oskar kam aus Kamerun, sie hatten sich in Schöneberg auf der Straße getroffen und sofort ineinander verliebt. Für Christina gab es jetzt viel zu organisieren, denn Oskar reiste immer wieder für längere Zeit in seine Heimat und trieb dort Handel mit Waren, Maschinen, Lastwagen. Wenn es darum ging, die zu verschiffen, half Christina. Sie hatte das Talent, solche Dinge zu regeln. Ihre Hochzeit feierten sie gleich zweimal: Es gab es ein rauschendes Fest in einem Schöneberger Nachbarschaftsheim und ein zweites in Kamerun. Christina war überrascht, wie schnell sie dort ein Teil der Familie wurde. Doch ein Leben in Kamerun konnte sie sich nicht vorstellen. Es war ihr zu heiß, und mit ihren Organisationskünsten stieß sie hier an Grenzen. Viele Dinge funktionierten dort nicht so, wie sie es kannte.

Mehrere Jahre führte sie eine Ehe zwischen zwei Kontinenten. Oskar lebte mal in Berlin, dann wieder in Kamerun. Die Wochen und Monate ohne ihren Mann wurden Christina immer wieder lang. In dieser Zeit glühten die Leitungen zwischen Schöneberg und New York, wo ihre Freundin Silke lebte. Christina, die eigentlich immer fröhlich war und ihren Humor selten verlor, klang ernst bei diesen Telefonaten.

Ihren Geburtstag feierte sie mit Nachbarn, Freunden und Verwandten in dem kleinen Park hinterm Gasometer. Beim Fest im letzten Sommer gab es praktische Geschenke für eine Floßfahrt im Spreewald. Die hatte sie geplant trotz ihrer Krebserkrankung.

Christina wollte ihre Verhältnisse klären, auch der Scheidungstermin mit Oskar, der extra aus Afrika angereist kam, war ihr so wichtig, dass sie sich aus dem Havelhöher Krankenhaus ins Amtsgericht chauffieren lies. An den Tod dachte sie bis zum Schluss nicht, wollte sich nicht aufgeben und war aufgehoben im Kreis ihrer Freunde, die via New York einen Besucherdienst an ihrem Bett in Kladow organisierten. Auf ihre Floßfahrt hatte sie sich so gefreut, aber es kam nicht mehr dazu. Eine Freundin sagte: „Christina, du gehst jetzt auf eine andere Reise.“ Das nahm sie an. Sebastian Rattunde

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