Berlin : Christlicher Kirchentag war für türkische Blätter kaum ein Thema

Suzan Gülfirat

GAZETELER RÜCKBLICK

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Merkwürdig. Kaplan ist frei“, titelte die Hürriyet am Mittwoch. Was für die einen einleuchtend ist, erstaunt die anderen. So ist das bei manchen Themen. Der selbst ernannter Kalif von Köln, Metin Kaplan, war am Dienstag auf Anordnung des Oberlandesgerichts Düsseldorf aus der Auslieferungshaft entlassen worden. Zudem hatte das Gericht seine Auslieferung für unzulässig erklärt. In seinem Heimatland Türkei drohten ihm ein unfairer Prozess und Folter, begründete das Gericht die Entscheidung. Das Urteil löste in der Türkei Empörung aus, der Europa-Ableger der Hürriyet berichtete sogar vom „Kaplan-Schock“ bei den Türken.

Der Ökumenische Kirchentag in Berlin war hingegen für die türkischen Zeitungen trotz seiner Bedeutung für die Christen in ganz Europa kaum ein Thema. Nur ein Ereignis erweckte dennoch das Interesse der Hürriyet. „Abendmahl trotz Papstverbot“, hieß es in der Überschrift zu einem kurzen Text in der Europa-Beilage am Sonnabend. Den Namen des Priesters Gotthold Hasenhüttl, der in der evangelischen Gethsemanekirche in Prenzlauer Berg das gemeinsame Abendmahl verteilt hatte, erwähnte die Zeitung nicht. Dafür berichtete sie, dass die Kirche am Donnerstagabend brechend voll war.

Sehr unterschiedlich fiel die Berichterstattung über die theatralische 550-Jahr-Feier der Bosporus-Metropole Istanbul am vergangenen Donnerstag aus: Zu osmanischer Militärmusik und Kanonendonner erstürmten als Janitscharen verkleidete Darsteller die alte byzantinische Stadtmauer und pflanzten eine Standarte auf das Mauerwerk. Mit den Janitscharen – den Elitesoldaten der osmanischen Heeres – an der Spitze hatte Mehmet der Eroberer am 29. Mai 1453 die Stadt Konstantinopel eingenommen.

Die Resonanz der deutschen und türkischen Medien auf diesen Jahrestag war eher gering. Die Tageszeitung Türkiye hingegen widmete dem Thema ganze Seiten und würdigte ihn sogar durch eine Serie über die „Osmanen in Wien“. Interessant dabei waren zwei Aufnahmen in der Folge fünf am Freitag. Sie zeigten Fenstermotive der Votiv-Kirche in Wien. Die Türkiye berichtete von „Türkenfeindlichkeit“ in dieser Kirche. Der Text in den Bildunterzeilen verriet den Grund: „Um die Türken als wild und grausam darzustellen, lässt die Votiv-Kirche nichts unversucht. Dabei vermischt sie die Geschichte der Türken mit ihrer eigenen Vergangenheit. Der Türke war so gerecht, ja so edel, dass er sogar einem feindlichen Soldat zur Genesung verholfen hat.“

Aus europäischer Sicht erscheinen die großen Feierlichkeiten in Istanbul deshalb so merkwürdig, weil Eroberungen hier nicht mehr gefeiert werden, sondern bestenfalls an Befreiungen erinnert wird. Die Griechen gedenken zum Beispiel der Befreiung von den Osmanen im Jahr 1821. Und die Spanier erinnern sich alljährlich an die Rückeroberung ihres Landes und die Vertreibung der Mauren im 15. Jahrhundert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar