Berlin : "Christmas Boulevard": Klopapierrollen im Zehnerpack

Katharina Körting

Vorsicht: Passanten, die die Pop-Art-Werke, die derzeit in leer stehenden Läden an der Frankfurter Allee im Rahmen des "Christmas Boulevard" feilgeboten werden, betrachten, laufen Gefahr. Denn die schrille Darbietung ungewöhnlicher Weihnachtsgeschenke von Schweizer und Berliner Künstlern hat einen merkwürdigen Effekt: Plötzlich wirken auch die ganz "normalen" Läden, etwa ein Fleurop-Geschäft, in dem ein riesenfetter Plastikweihnachtsmann zwischen Blumen hockt, irgendwie surreal zwischen den stalinistischen Prachtbauten. Als wenn es "plopp" macht, erscheinen die festlich geschmückten Geschäfte nun genau so skurril wie die - pardon - ziemlich durchgeknallte Kunst, die bis zum 22. Dezember zu entdecken ist.

In einer ehemaligen Fleischerei in der Frankfurter Allee direkt neben dem U-Bahnhof Frankfurter Tor - der Schriftzug hängt noch blass über dem Laden - bietet Ania Roder aus Basel im kühlen Ambiente weißer, abgenutzter Fliesen nicht nur ihre eigenen Kreationen an. Ein höhenverstellbarer Aschenbecher auf einem Stativ (111 Mark) oder ein lebensgroßes Styropor-Reh (1550 Mark) warten auf Interessenten. Daneben liegen, dekorativ zum Sofa gestapelt, genau 2000 Toilettenpapierrollen, eingeschweißt in Zehnerpacks. "Wer du bist, was du bist, warum du bist" leuchtet rot der aufgedruckte Schriftzug - Besinnliches für den Gang zum Klo für zehn Mark die Packung.

Der Christmas Boulevard ist die zweite Veranstaltung in diesem Jahr, die den denkmalgeschützten, real existierenden Vorzeige-Boulevard künstlerisch beleben soll. Schon im Sommer haben die Organisatoren "Marx Attrax" versucht, die Frankfurter und Karl-Marx-Allee mit Pop-Kunst aufzuwerten. "Alles sind limitierte Einzelstücke", sagt Roder, "wir haben schon viel verkauft". In den Nebenräumen hat Merle Vorwald den "Zauberwald" gestaltet. An Nylonschnüren hängen Off-Mode-Kleidungsstücke von der Decke. Die grünen Wandfliesen schmücken schneeweiße Styropor-Tannenbäumchen. "Ich wollte weg von der Laufsteg-Präsentation", erzählt die Wahl-Berlinerin. Anfassen und Anprobieren ist erwünscht. Junge Berliner Labels wie "Apocalypse" oder "Volkskleidung" bieten ihre grellen Kreationen für 18 Mark (Pulswärmer) bis 360 Mark (Mantel) an. Wer beim Stöbern durstig wird, kann sich an der Bar für 3,50 Mark einen "Wodka ahoi" genehmigen: 2 cl Wodka pur nebst einem Tütchen "Ahoi-Brause".

Auch die Produktionsfirma "Filmlounge.de" ein paar Türen weiter macht mit. Allerdings gibt es dort nichts zu kaufen, sondern nur zu schauen: Vom 15. Dezember um 22 Uhr bis zum 17. Dezember um 10 Uhr zeigt die Filmlounge eine Nonstop-Schaufenstersoap - live. Nebenan in der Nummer 14 arbeitet Evelin in "Noel.de.fuckytown", ihrem temporären Atelier in einem früheren Sportgeschäft, an großen Bildern von comic-ähnlichen Figuren. Wer hinein will, muss anklopfen. "Hier ist es ist wie früher in Mitte", sagt Evelin, "es gibt Platz, den wir nutzen können." Sie fühle sich wie ein Pilz, der plötzlich emporwächst, bevor er schnell wieder eingeht. "Es ist ziemlich trashig, aber es macht Super-Super-Spaß." In der Frankfurter Allee 23 zeigt die "Maou-Maou-Gallery" bunten Schnickschnack, vorzugsweise in Pink oder Schwülrot. Am Sonnabend steigt von 19 bis 23 Uhr eine verspätete Nikolaus-Party.

Und wer nun immer noch nichts gefunden hat, um seinen Lieben am heiligen Fest eine Freude zu machen, sollte sich noch mal in die Fleischerei begeben, um den Schweizer San Keller auf Video beim Schlafen in einem Züricher Einkaufszentrum zu betrachten. Denn Keller "schläft für Sie am Arbeitsplatz". - Nein, kein Witz, und wenn doch, dann ein ernst gemeinter: Entspannend will der Schlafkünstler auf den wirken, der ihn mietet. Der Preis ist Verhandlungssache. E-Mails an sankeller@bluewin.ch .

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben