Christoph Lehmann : Erst glauben, dann reden

Leute wie er könnten die Berliner CDU personifizieren. Pro-Reli-Organisator Christoph Lehmann hat die Stadt verändert, indem er eine Debatte erzwang. Ein Porträt

Werner van Bebber
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Christoph Lehmann. -Foto: Günter Peters

Leute wie er könnten die Berliner CDU personifizieren. Christoph Lehmann ist Anwalt, Vater von vier Kindern, er ist bürgerlicher Herkunft, pflegt einen bürgerlichen Lebenswandel, und er engagiert sich für das Ganze, für die Gesellschaft. Sein Engagement und seine politische Bewegtheit haben Lehmann zum Vorkämpfer eines Wahlpflichtfachs Religion an Berliner Schulen gemacht. Und wenn auch das vehemente Engagement der Initiative Pro Reli nicht gereicht hat für einen Erfolg, kann sich Lehmann eines zugute halten: Er hat die Berliner und seine Partei daran erinnert, dass es eine große Gruppe in der Stadt gibt, die sich vom Senat nicht gut vertreten und in der Bildungspolitik bevormundet fühlt.

Lehmann hat sich für Pro Reli so stark engagiert, weil es ihn und seine Familie geärgert hat, dass Schüler in Berlin nicht die gleichen Wahlmöglichkeiten haben wie Schüler in anderen Bundesländern. Als der schlanke Mann, der immer erst streng und später dann sehr freundlich guckt und gerne lacht, mit seiner Initiative schon weit gekommen war, wurde die  Verbindung zwischen ihm und der Berliner CDU wieder intensiver. Denn bis vor einem Jahr gehörte Lehmann zu denen in der Partei, die vom damals herrschenden Funktionärskader um den ehemaligen Landeschef Ingo Schmitt systematisch ausgegrenzt wurden. Lehmann musste mit Gleichgesinnten wie Monika Grütters und Peter Kurth schon deshalb in die Minderheit geraten und dort untergebuttert werden, weil er mit Ironie und Abstand über sich und seine Partei zu reden vermochte.

Inzwischen ist der Abstand zwischen dem Mann und der Partei kleiner geworden – doch wird er kaum Zeit gehabt haben, das auch nur wahrzunehmen. Pro Reli hat die Kampagne für den Religionsunterricht bis zum Volksentscheid getrieben. Wäre es ein Erfolg geworden, dann hätte Lehmann als Freizeitpolitiker dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit eine böse Niederlage beigebracht. Und das, ohne je böse zu wirken, sondern stets nur ernsthaft bei der Sache und von Herzen engagiert.

Seltsame Zeiten sind das, in denen sich Bürger ohne ein politisches Mandat, dafür aber mit starker Überzeugung zusammenschließen und viel Zeit, Nerven und Geld für Tempelhof, gegen Mediaspree, für das Schulfach Religion aufwenden, während im Abgeordnetenhaus ein unauffälliger Betrieb abläuft. Lehmanns Politikverständnis hat sich durch Pro Reli verändert. Der Mann, der mal in den Bundestag wollte, sagte am Sonntag abend: „Ich habe den Eindruck, daß ich zum ersten Mal etwas politisch bewirkt habe“ – und mehr als mit der Parteipolitik. Und auch wenn es kein Sieg wurde, sieht er einen Erfolg – „weil es uns gelungen ist, ganz viel anzustoßen“. Sein Ärger richtet sich auf die rot-rote Landesregierung. „Der Senat hat unfair gespielt und in rechtsbrecherischer Weise Werbung gemacht.“

Längst sind sie in der Berliner CDU stolz auf Lehmann. Längst ist die Frage, ob man sich als Christ versteht und gerne zum Gottesdienst geht, eine geworden, die nicht mehr in die Intimsphäre gehört. Lehmann hat – daran werden nicht mal die Gegner von Pro Reli etwas Schlechtes finden können – den Umgang mit Religion als Umgang mit Werten thematisiert; man redet wieder mehr darüber, man denkt auch wieder etwas mehr darüber nach. Vor Wochen schon hatte Lehmanns Kampagnenmanager Matthias Wambach den Eindruck, das Beste an Pro Reli sei, dass es so viele Leute aus Gruppen und Gemeinden zusammengebracht habe. Und das alles, weil eines von Lehmanns Kindern die Sache mit dem freiwilligen Religionsunterricht und dem Pflichtfach Ethik beim Essen mit der Familie angesprochen hatte. Vater Lehmann zog daraus politische Schlüsse und brachte eine Initiative auf den Weg.

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