Berlin : Christopher Street Day: Feiern, tanzen und einfach stolz sein

Matthias Oloew

Es klingt schon wieder nach Rekord. Über achtzig Wagen hat Jürgen Bieniek in seiner Liste. Mehr als im vergangenen Jahr, als 350 000 Teilnehmer und Zuschauer den Berliner Christopher Street Day (CSD) feierten. Heute könnten es noch mehr werden. "Der CSD ist zum gesamtberliner Volksfest geworden", sagt Bieniek und er ist stolz darauf, dass Familien das Schauspiel nutzen, um sich mit einem Picknickkorb in den Tiergarten zu setzen und die bunte Karawane anzusehen. Zum 22. Mal zieht die bunte Demonstration für gleiche Rechte durch die Innenstadt. Start ist heute um 13 Uhr.

Auch Berlins Tourismuswerber frohlocken. Zu 94 Prozent seien ihrer Partner-Hotels an diesem Wochenende ausgebucht, erklärt die Berlin Tourismus Marketing GmbH (BTM) und sieht in den Buchungszahlen zum Wochenende einen Erfolg ihrer neuen Kampagne. Seit Anfang des Jahres bewerben sie Berlin vor allem in den USA als lesbisch-schwule Metropole. Touristische Informationen für die Gäste will BTM-Chef Hanns Peter Nerger konsequent in die neuen Broschüren und Werbeblätter seiner Organisation aufnehmen: "Wir möchten damit ein Zeichen setzen und lesbische und schwule Besucher in Berlin willkommen heißen." Dreh- und Angelpunkt der Werbeaktion ist der Christopher Street Day, mit dem Nerger die Stadt als weltoffen und tolerant vermarkten will.

An der touristischen Vermarktung stört sich Suse Strippe. Sie arbeitet beim Kreuzberger Club SO 36 und nun nebenher als Sprecherin der Initiative Basis 69. "Basis" steht für Basisdemokratie und die Zahl erinnert an 1969, an das Jahr der Krawalle in New York, an das jedes Jahr mit der bunten Parade in Berlin und anderswo erinnert wird. "Der Chistopher Street Day bedeutet mir nicht mehr viel", sagt Suse Strippe, "er hat seine politische Bedeutung verloren. Eine kommerzielle, leicht konsumierbare Veranstaltung ist daraus geworden, bei der exotische Homosexuelle den Touristen vorgeführt werden. Das hat wenig mit Bewegung zu tun." Deshalb hat sie sich mit dem SO 36 der "Basis 69" angeschlossen, die sich von der Parade abspaltet, um abends eine eigene, kleine Demonstration auf der Oranienstraße zu initiieren. Für das nächste Jahr hat "Basis 69" bereits angekündigt, nicht mehr an der großen Parade teilnehmen zu wollen. Dann entsteht wieder eine Situation wie vor einigen Jahren, als zwei Demonstrationszüge durch die Innenstadt rollten.

Eine der politischen Forderungen des Tages ist die Wiedergutmachung für homosexuelle Opfer des Nationalsozialismus. Eine Ausstellung im Schwulen Museum am Mehringdamm widmet sich gerade diesem Thema und dokumentiert die Schicksale schwuler Männer und lesbischer Frauen im Dritten Reich. Trotzdem ist der Christopher Street Day für Karl-Heinz Steinle zuerst eine große Party. Der wissenschaftliche Mitarbeiter beim Schwulen Museum lebt seit 12 Jahren in Berlin und hat bislang keine Parade ausgelassen. Heute ist er jedoch in Zürich statt in Berlin. Dort eröffnet er eine Ausstellung, das ist für ihn wichtiger. Vorwürfe, der Christopher Street Day sei nicht mehr politisch genug, findet er unbegründet: "Heute muss man anerkennen, dass die Leute beim CSD vor allem feiern und tanzen wollen."

Das findet auch Christa-Lilith Vogel völlig legitim. "Der Christopher Street Day ist eine Demonstration von lesbischem, schwulen und queeren Stolz", sagt die Versicherungskauffrau, die sich mit dem Angebot von Rosa und Lila Renten für Lesben und Schwule einen Namen gemacht hat. Mit "queerem Stolz" meint sie vor allem Transsexuelle, zu denen sie selber gehört. Zur Darstellung dieses Stolzes gehöre das Feiern, Trinken und Tanzen dazu.

Frank Jaspermöller schafft dazu die nötigen Vorausetzungen. Der Veranstalter der Cocker-Partys in der Info-Box hat wieder einen Sattelschlepper gechartert und installiert eine fahrbahre Tanzfläche inklusive Lautsprechertürmen - Love-Parade-Ambiente zum Warmtanzen für den Riesen-Rave im Tiergarten. Mit 12 000 Watt will er die Teilnehmer und Zuschauer beschallen, mit House-Musik - der Stilrichtung, die auch die Cocker-Partys prägt. "Die Auflehnung gegen die Unterdrückung, die wir jährlich beim CSD feiern, konnte in dieser Form wohl nur in New York stattfinden", erklärt er: "An diesem Tag fühle und feiere ich die Power."

"Es ist die bunte Mischung, die diesen Tag so anziehend macht", sagt Paraden-Sprecher Jürgen Bieniek in Anspielung auf das Motto der diesjährigen Parade zum Christopher Street Day. Statt markiger Sprüche oder entschieden und lauthals vorgetragener politischer Forderungen heißt es da nur kurz und denkbar einfach: "Unsere Vielfalt zieht an".

Informationen im Internet

www.csd-berlin.de/home/

www.meinberlin.de

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