Christopher Street Day in Berlin : Gleiche Rechte für gleiche Liebe

Am Samstag zieht der Christopher Street Day durch die Stadt. Viele reizt die Party in schrillen Outfits. Aber wie politisch ist die Parade noch? Wir haben Berliner Politiker gefragt.

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So bunt wie Berlin. Der Christopher Street Day endet heute wieder mit einer großen Party am Brandenburger Tor. Foto: p-a-/dpa
So bunt wie Berlin. Der Christopher Street Day endet heute wieder mit einer großen Party am Brandenburger Tor. Foto: p-a-/dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Die Regenbogen-Fahne weht seit Freitag auch von der Bundesgeschäftsstelle der Grünen herunter. Weil schwul schick ist? Katrin Göring-Eckardt lacht: „Natürlich ist der CSD ein schönes Fest – aber es geht um mehr.“ In dieser Woche sei in Russland eine Frau zu einer Geldstrafe von 500 Rubeln verurteilt worden, weil sie eine Regenbogen-Fahne schwenkte – „das ist eines demokratischen Landes unwürdig.“

Nun gut, in der weiten Welt ist es noch immer schlecht bestellt um die Rechte Homosexueller. Aber schwules und lesbisches Leben in Berlin - das ist doch längst normal, oder? Szene-Kneipen gibt es in Kreuz- und Schöneberg schließlich wie Sand am Meer, und dass gleichgeschlechtliche Paare sich in der Öffentlichkeit küssen und Händchen halten, gehört zum Straßenbild längst dazu. Beste Voraussetzungen, dass sich der CSD zur fröhlich-unpolitischen Queer-Party entwickelt? Oder wird er noch als politische Demonstration gebraucht?

Auf jeden Fall, meint Grünen-Politikerin Göring-Eckardt. Auch hierzulande könne nicht von einer Gleichstellung der Homosexuellen die Rede sein. Kein Kindergeld, keine Wohnungsbauprämie, keine Riesterrente, keine gemeinsame Adoption des gemeinsam erzogenen Kindes – viele Benachteiligungen bleiben trotz anders lautender Vorgaben durch das Verfassungsgericht. Es gebe also genug Stoff, um auf die Straße zu gehen.

Auch der Regierende Bürgermeister glaubt noch an den CSD: Die Demo werde wieder „ein deutliches Zeichen gegen Homophobie und für die Offenheit für unterschiedliche Lebensweisen“ setzen. Durch sein Outing („Ich bin schwul, und das ist gut so!“) ist Klaus Wowereit fast schon zur Symbolfigur der Bewegung geworden – auch wenn manchen aufstößt, dass er sich bei der Abstimmung im Bundesrat über die Gleichstellung homosexueller Ehen enthielt.

Kinder wie die Zeit vergeht - So bunt war der CSD vor 10 Jahren in Berlin
... die dann am 28. Juni 2003 bei glühender Hitze seinen Lauf nahm.Weitere Bilder anzeigen
1 von 44Alle Fotos: Kitty Kleist-Heinrich und Kai-Uwe Heinrich
22.06.2013 17:37... die dann am 28. Juni 2003 bei glühender Hitze seinen Lauf nahm.

Einer Umfrage nach sieht sich fast jeder zweite Schwule noch mit Homophobie konfrontiert. „Viele haben irgendwann eine Erfahrung von Diskriminierung gemacht“, sagt Berlins Landeschef der Grünen, Daniel Wesener. Verbindet das eigentlich über Parteigrenzen hinweg? Schon, sagt Wesener - „aber die Koalitionsverhandlungen mit Klaus Wowereit liefen schlecht, obwohl wir schwul sind.“

CDU-Fraktionsvize Stefan Evers amüsiert die Frage nach einem überparteilichen schwul-lesbischen Politkonsens: „Wir sind ja nicht im Vatikan – schwule Seilschaften mag der Papst fürchten, im Abgeordnetenhaus braucht es das nicht.“ Berlin sei die Stadt der gelebten Vielfalt. Die CDU wird deshalb auch am Umzug teilnehmen. Allerdings nur geduldet. Dabei habe der Landesverband Berlin auf dem CDU-Bundesparteitag für das Ehegattensplitting gekämpft. Vergeblich, worauf die CDU,wie berichtet, vorübergehend vom CSD ausgeschlossen worden war.

Und das ist gut so. Klaus Wowereit hat einer Bewegung gegen Diskriminierung eine Stimme gegeben. Doch wie politisch ist die Bewegung noch?
Und das ist gut so. Klaus Wowereit hat einer Bewegung gegen Diskriminierung eine Stimme gegeben. Doch wie politisch ist die...Foto: dpa

Steht also der modernen, gleichsam metrosexuellen Berliner CDU eine tief verwurzelte christliche Union im Bundesgebiet gegenüber? „Es ist nicht modern, homosexuell zu sein, sondern eine Frage der sexuellen Identität und da wollen wir keine Diskriminierung", sagt Justizsenator Thomas Heilmann (CDU). Die ganz überwiegende Mehrheit der Berliner Delegierten habe auf dem CDU-Bundesparteitag für die steuerliche Gleichbehandlung homosexueller Lebenspartnerschaften gestimmt – und man sei nur knapp gescheitert. Und noch ein Vorurteil räumt er ab: Die Enthaltung von Wowereit im Bundesrat zur Ehelichung homosexueller Partner sei deshalb erfolgt, „weil der Hamburger Gesetzesentwurf in seiner konkreten Ausformung verfassungswidrig war.“ Für die Formulierung hätte man vorher das Grundgesetz ändern müssen, erläutert Heilmann. Diese Änderung strebt auch SPD-Parteichef Jan Stöß an: „Wir wollen gleiche Rechte für gleiche Liebe.“ Beim CSD wird Stöß auf dem „Schwusos“-Wagen mitfahren. Weil die vollständige Gleichstellung der Lesben und Schwulen noch nicht erreicht ist, sei der CSD ohne Zweifel eine „politische Demonstration“.

Erstaunlich: Über Parteigrenzen hinweg scheinen Berlins Politiker noch an die politische Kraft des CSD zu glauben. Und wer die frühere Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Lala Süßkind zur politischen Bedeutung des CSD fragt, bekommt zur Antwort: „So lange ,Jude' und ,Schwuler' noch Schimpfwörter sind, stimmt etwas mit unserer Gesellschaft nicht." So lange Schwule nicht wie Heteros leben könnten, „hat der CSD eine politische Bedeutung“. Dass der Umzug „schrill und populär“ ist, findet Süßkind gut. Sie würde sich aber auch wünschen, dass „vielleicht durch Pressekonferenzen im Vorfeld diese Themen stärker rüberkommen“. Party und Politik – für Demo-Teilnehmer und Politiker scheint sich das eben nicht zwingend zu widersprechen.

Auf der Kreuzberger Alternativveranstaltung, dem „Transgenialen CSD“, sollten sich all die CSD-affinen Politiker jedoch möglicherweise besser nicht blicken lassen: Wagen von Parteien sind hier strikt verboten. Die linke Demo will kritischer und unkommerzieller sein als ihr großer Bruder. Heute zieht sie zwar zum 15. Mal durch Kreuzberg. Doch eine Party gibt es danach nicht. Das traditionelle Straßenfest fällt in diesem Jahr aus - aus explizit politischen Gründen: „Aufgrund der Diskussionen zu Rassismus in der queeren Szene gibt es nichts zu feiern“, heißt es auf der Homepage der Veranstalter. Auf einer Soliparty für den T-CSD war ein Lied mit rassistischen Inhalten gesungen worden. Daraufhin gab es eine scharfe Kontroverse. Dass die Veranstalter mit dem Ausfall des Straßenfest nun ein Zeichen setzen wollen, zeigt: Party und Politik – das passt vielleicht doch nicht immer für alle zusammen.

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