Christopher Street Day : Mit dabei auf dem Truck

Es ruckelt. Es schallt. Und überall sieht man gut definierte Oberarmmuskeln. Wie es sich anfühlt, auf einem Truck beim Christopher Street Day mitzufahren.

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Die Regenbogenfarben konnte man am Sonnabend auf vielen Gesichtern, Fahnen und Kostümen sehen. Wer sich selbst spontan als Engel verkleiden wollte, konnte auf der Strecke ein paar Flügel erstehen. Foto: dpa
Die Regenbogenfarben konnte man am Sonnabend auf vielen Gesichtern, Fahnen und Kostümen sehen. Wer sich selbst spontan als Engel...Foto: dpa

Erst ein Ruck. Dann ein fröhlicher, wilder Schrei aus vielen Kehlen. Und plötzlich hämmern die Bässe, viele Beine hüpfen, und der Bus bebt. „Jetzt geht die Party los“, ruft ein männlicher Engel in Ledershorts und mit weißen Engelsflügeln über die laute House-Musik hinweg. Und da Klaus Wowereit soeben das Startband durchschnitten hat, hat der Engel recht: Der 32. Christopher Street Day, die bunte Demonstration für die Rechte von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen, ist offiziell eröffnet.

Wer hätte geglaubt, dass diese Wagen so ruckeln? In ständigem Stop-and-go bewegt sich der doppelstöckige Führungswagen der CSD-Parade auf dem Kurfürstendamm vorwärts. Doch ein Gutes hat die stoßweise Fortbewegung auch: Man tanzt hier auf dem Oberdeck fast wie von selbst. Jungs in weißen Badeslips, nur mit einem Hauch von T-Shirt bekleidet, lehnen sich extra weit übers Geländer und lassen ihre gut definierten Oberarmmuskeln spielen. Und wenn mal eine Ampel im Weg ist, duckt man sich schnell und steckt kleine Regenbogenfähnchen ans Grün oder Rot.

Beim Blick nach vorn Richtung Gedächtniskirche ist eine große Menschenmenge zu sehen mit einer kleinen Gasse in der Mitte. Da soll der riesige Bus durch? Die mitlaufenden Helfer mit dem Absperrseil leisten ganze Arbeit, wenn es auch langsam geht. Der Blick zurück zeigt viele bunte Luftballons, Konfettiwolken und die lange Reihe von 53 geschmückten Umzugswagen der verschiedenen schwullesbischen Gruppierungen. Drum herum tanzen kostümierte Fußgänger. Nun kommt auch die Sonne raus. Feierstimmung pur.

Ein paar Meter vor dem ersten Wagen geht Wowereit, winkt hier lächelnd in die Menge, bleibt dort mal auf ein Pläuschchen stehen. Plötzlich wieder ein heftiger Ruck, Vollbremsung diesmal. Wir haben doch nicht...? Ein Recken, ein Blick: Zum Glück, nein. Wowereits weiß-türkis-kariertes Hemd leuchtet noch immer da vorn. Hatte der Tagesspiegel nicht gestern noch berichtet, der Regierende Bürgermeister sei mal zu einem der bestangezogenen Politiker Deutschlands gekürt worden? Na, macht nichts. Das nennt man dann wohl Farbe bekennen.

Noch nicht so richtig in Partylaune kommt Lyosha. Etwas misstrauisch schaut er zu den feiernden Massen. Der 23-Jährige lebt zusammen mit seinem deutschen Freund Ekki Kahl in Kiew. Kahl zeigt Lyosha an diesem Wochenende erstmals Berlin – und auch, dass es Länder und Städte in Europa gibt, wo Männer ihre Homosexualität offen zeigen und sogar feiern können. „In der Ukraine ist das leider noch ganz anders. Da wäre so eine Demonstration wie hier nicht möglich“, sagt Lyosha und schaut mit halb ängstlichem, halb glücklichem Gesichtsausdruck.

Viele weiße Engelsflügel sind zu sehen, man kann sie hier kaufen, für zwölf Euro das Paar. Günstiger ist der Himmel kaum zu haben. Und zig Transvestiten laufen mit, in fantasievollen, farbenfrohen Kostümen, die fast bei jedem Schritt für die Kameras der Touristen posieren. Das Thema Fußball ist stark vertreten. Da gibt es eine lesbische Fußgruppe in Trikots und den pink-grünen Wagen des lesbischen Sportvereins „Seitenwechsel“, der mit dem Motto „Wir können Fußball“ wirbt. Und es gibt den großen Wagen vom GMF. Auf ihm wird mit den Resident-DJs des Clubs vom Alexanderplatz nicht nur eine der lautesten Partys des Umzugs gefeiert, hier sind auch einige der attraktivsten Demonstranten in engen Fußballtrikots zu bewundern. „Unsere geladenen Stammgäste müssen keinen Eintritt zahlen. Aber ohne Fußballtrikot kommt niemand rauf“, lacht Alexander Görlich vom GMF.

Der 32-Jährige bedauert, dass viele Clubs sich den Umzug offenbar nicht mehr leisten können. Denn die Wagenmiete ist teuer. Auffällig ist auch, dass manche der Wagen noch nicht mal halb voll sind. Dafür hat Ruth Nölle vom „Seitenwechsel“ eine Erklärung: „Viele politisch aktive Lesben und Schwule sind nicht mehr ganz jung, und sitzen an so einem Tag lieber in ihrem Garten“, sagt die 47-Jährige. Sie selbst macht aber stets gern beim Umzug mit, nicht nur wegen der politischen Botschaft. „Ich will einmal im Jahr meine Lieblingsmusik in voller Lautstärke durch Berlin schallen hören“, sagt Nölle. Dann dreht sie am Regler. Bis zum Ziel am Brandenburger Tor sind es noch ein paar Kilometer. Bis dahin gehört die Straße ihr.

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