Christopher Street Day : Queerpass ins Abseits

Der CSD sieht sich gegenüber der Fanmeile benachteiligt. Nun ist von Homophobie die Rede. Und am Abend beim CSD-Forum wurde lautstark über einen ungeliebten Plan diskutiert.

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Gute Stimmung? Beim CSD - hier ein Bild aus früheren Jahren - hängt im Moment des Haussegen schief.
Gute Stimmung? Beim CSD - hier ein Bild aus früheren Jahren - hängt im Moment des Haussegen schief.Foto: dpa

Angriff ist die beste Verteidigung – das ist offenbar das Motto der in letzter Zeit massiv in die Kritik geratenen Veranstalter des Christopher-Street-Day-Umzugs (CSD), der künftig „Stonewall Berlin“ heißen soll. Mit scharfen Attacken gegen Behörden und Politiker wandten sich Geschäftsführung und Vorstand des Vereins Berliner CSD e.V. am Mittwoch an die Öffentlichkeit. Auf einer von bulligen Security-Leuten bewachten Pressekonferenz in Mitte erhoben die Organisatoren von Berlins größter Veranstaltung gegen die Diskriminierung von Homosexuellen schwere Vorwürfe gegen das Bezirksamt Mitte, aber auch gegen Politiker, die der Veranstaltung bislang wohlgesonnen waren, darunter auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD).

„Inkompetent, diskriminierend und homophob“

Die Kritisierten wurden auf Fotos angeprangert, die an Steckbriefe erinnerten. Verwaltung und Politiker, so CSD-Geschäftsführer Robert Kastl, behinderten den CSD seit Jahren, „schikanierten“ und benachteiligten ihn bei der Gebührenberechnung gegenüber anderen Großveranstaltungen. Den Verantwortlichen im Bezirk wirft er vor, „inkompetent, diskriminierend und homophob“ zu agieren. Der CSD e.V. hat vor, gegen die von ihm so gesehene Ungleichbehandlung mit drei Strafanzeigen vorzugehen.

Christopher Street Day 2013
Am Samstagmittag ist die Parade zum 35. Christopher Street Day in Berlin gestartet. Sie ist in diesem Jahr wieder mehr von politischen Inhalten geprägt als in den Vorjahren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 24Foto: dpa
22.06.2013 20:56Am Samstagmittag ist die Parade zum 35. Christopher Street Day in Berlin gestartet. Sie ist in diesem Jahr wieder mehr von...

Die Attacke fiel fast mit einem anderen Ereignis zusammen, bei dem wiederum Kastl und der CSD-Vorstand viel Kritik an ihrer Amtsführung zu hören bekamen. Am Mittwochabend fand das „CSD-Forum“ statt, die basisdemokratische Plattform des Vereins. Dort wurde die Arbeit von Kastl und seinen Mitstreitern als eigenmächtig und intransparent angeprangert.

Aus CSD soll „Stonewall“ werden

Etwa 150 Unterstützerinnen und Unterstützer des CSD waren gekommen. Nach Wortmeldungen und Applaus zu urteilen, sind sie größtenteils mit der Arbeit der Vereinsspitze unzufrieden. Sie bemängelten fehlende Transparenz bei Vereinsinterna. Die jüngsten Attacken des CSD-Geschäftsführers gegen Politiker und Behörden wurden von den meisten Rednern als überzogen und kontraproduktiv verurteilt. Vor allem aber rieben viele sich an der Entscheidung einer Mitgliederversammlung von Ende Januar, alle Veranstaltungen des CSD-Vereins künftig unter der Marke „Stonewall“ laufen zu lassen.

Das Ansinnen, diese Entscheidung zurückzunehmen und den Plan innerhalb der Community ausführlicher zu diskutieren, lehnte die Vereinsführung nach kurzer Bedenkzeit ab: Das basisdemokratische Forum könne nicht einfach eine Mitgliederentscheidung kippen. Also beschloss man, das Thema erst auf einem weiteren CSD-Forum ausführlicher zu diskutieren und dann gegebenenfalls bei einer weiteren Mitgliederversammlung erneut darüber abzustimmen.

In der Politik provoziert die Attacke Unverständnis

Unzufriedene Basis: Ungefähr 150 CSD-Unterstützer kamen am Mittwochabend zum CSD-Forum im DGB-Haus.
Unzufriedene Basis: Ungefähr 150 CSD-Unterstützer kamen am Mittwochabend zum CSD-Forum im DGB-Haus.Foto: lvt

Im Bezirk und auch in der Landespolitik wurde die am Vormittag geäußerte Kritik mit einer Mischung aus Enttäuschung und Empörung aufgenommen. Mittes Ordnungsstadtrat Carsten Spallek (CDU) erklärte, wieso die vom CSD vorgelegten Zahlen teilweise nicht richtig seien und an der Abrechnung des Bezirks nichts auszusetzen sei. Die Kritik, seine Behörde handele „homophob“, wies er als „üble Nachrede“ zurück. Er sei persönlich vom CSD-Geschäftsführer enttäuscht. Ähnlich reagierten die von Kastl namentlich attackierten Politiker Tom Schreiber (SPD) und Stefan Evers (CDU), die sich als offen schwule Mitglieder des Abgeordnetenhauses immer wieder für den CSD eingesetzt hatten. Auch Wowereits Sprecher Richard Meng wies die Kritik zurück.

Die Vereinsführung machte am Abend beim CSD-Forum allerdings deutlich, dass für sie der Kampf gerade erst begonnen hat.

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