Berlin : Christopher Street Day: Tanzen nach der Parade - das ist gut so

Esther Kogelboom

Matthias und Tom sind einfach nur kaputt. Matthias, der Matrose mit der Madonna-Zahnlücke, und Tom, der kleine Blonde, sitzen auf den harten Eisenstühlen im hinteren Bereich des Metropol am Nollendorfplatz. Ein harter Tag ist fast vorbei. Die beiden sind dem "Eurogay"-Wagen hinterher getanzt, weil dort die Musik am besten war und die Leute von dem Internet-Portal die schrillsten Gummis vom Wagen geschmissen haben - welche zum Umhängen. Sachen abgreifen, das ist beim Christopher Street Day genauso wichtig wie bei jeder anderen Form des Karneval. Kleine Geschenke ziehen immer. Deswegen gibt es am Eingang vom Metropol auch kleine, süße Fruchtgummi-Schnuller für die homosexuelle Männer-Gemeinde. Zum Trost für alle, die sich bei der Parade die Knie aufgeschlagen haben. Und für diejenigen, die immer noch alleine sind, gibt es bei der "Cocker"-Party Aufkleberchen, auf denen "Cocker" steht und eine Nummer. Die kann man sich dann auf die Brustwarze kleben und auf viele Liebesbriefe hoffen. Matthias und Tom haben solche Anbändel-Spielchen nicht nötig. Die beiden haben sich vor einiger Zeit beim Chatten im Internet kennen gelernt. "Wir sind sehr, sehr gute Freunde", sagt Matthias, zeigt seine Zahnlücke und schmiegt sich an den kleineren Tom. "Der CSD ist zum Feiern da."

Das finden offenbar auch alle anderen, die es mit den letzten Kraftreserven ins Metropol geschafft haben. Im altbackenen Ambiente wird konzentriert getanzt, damit niemand im Stehen einschläft. Schließlich interpretiert Romy Haag eine reichlich entkoffeinierte Version von "La vie en rose" und erntet dafür Buh-Rufe. Der Moderator, hauptberuflich angestellt bei einem Radio-Sender, formuliert sicherheitshalber einmal mehr das Wowereit-Zitat. Peter, der es sich oben auf der ägyptischen Empore bequem gemacht hat, findet das gut. Die Siegessäulen-Ansprache unseres Bundestagspräsidenten hat er mit Wohlwollen verfolgt. "Das war einer der besten Augenblicke", meint der 34 Jahre alte Peter, der tagsüber dem griechisch-türkischen Wagen hinterhergetanzt ist.

Während die mehrheitlich eher erschlafften Schwulen im Metropol die Federboas kreisen lassen, tanzen die Lesben in der Kalkscheune in Mitte, als gelte es, die persönliche Ehre zu retten. Während sich die Schwulen an süßlich-klebrigen Getränken festhalten, kippen die Lesben bevorzugt Schnäpse zum Bier. "Ihr wisst, dass das hier eine Lesben-Party ist", hatte die Frau am Eingang gewarnt. Sie hätte auch sagen können: "Ihr wisst, dass das hier eine total entspannte Party ist, bei der man sich aussuchen kann, ob man draußen dem gemütlichen Hoffest beiwohnen und mit Freundinnen und vereinzelt auch Männern quatschen möchte, auf der Haupttanzfläche die Sau rauslassen oder im Kellergewölbe an der Bar unverbindliche Blicke austauschen will. Wenn ihr also blöde Stimmung verbreiten oder jemanden aggressiv angraben wollt, bleibt lieber draußen." Insgesamt wirkt die lesbische Veranstaltung um Klassen frischer und moderner als die immer wiederkehrenden leicht kitschigen Posen der männlichen homosexuellen Fraktion. Lesben baden nämlich nicht in einer Badewanne voller Glitter, sondern tragen nur ein bisschen hinter dem Ohr auf. Das hat eben einfach mehr Stil.

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