Chronik einer Messerstecherei : Es war ein schöner Tag

Auf einem Bolzplatz in Neukölln bricht Streit aus. Eigentlich geht das nur zwei Leute an. Doch immer mehr Menschen werden von einem unbegreiflichen Sog erfasst. Im Recht fühlt sich jeder und schlecht behandelt sowieso. Am Ende liegt ein Jugendlicher tot am Boden. Eine Rekonstruktion.

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Das Wichtigste ist untergegangen. Das, was alles verändert hat.

– „Es ging viel zu schnell.“

– „Ich habe nur gehört, wie Jusef einen Ton von sich gab. So ,Ah’, so.“

– „Das Messer habe ich gar nicht bemerkt.“

Drei junge Männer sitzen auf einer beigefarbenen Ledercouch. Auf dem flachen Tisch vor ihnen stehen Feigenlimonade und Honiggebäck, aber Riza, Kvin und Easy rühren es nicht an. Ihre Jacken haben sie anbehalten, Riza trägt zudem eine schwarze Baseballkappe. Manchmal beugt er sich vor, verbirgt sein Gesicht hinter dem Schirm. Dann wieder legt er einen Arm um Kvin, der neben ihm Platz genommen hat, und fährt ihm versonnen über den kurz geschorenen Hinterkopf.

Sie sollen über Gefühle reden. Die Jacken sind ihre Panzer.

Riza, Kvin und Easy sind Anfang 20, und sie haben ihren Freund Jusef El-A. sterben sehen. Eigentlich wollen sie die Sache vergessen. Keinen Wirbel mehr. Weshalb sie sich diese Namen ausgesucht haben. Ihr Freund Jusef, ein 18-jähriger Deutschlibanese, war hier zu Hause. Seine Mutter sitzt mit am Tisch. In Schwarz. Ihre Augen ruhen auf den Männern, die sie hat aufwachsen, erwachsen werden sehen. Nun versuchen sie, noch einmal genau den Moment zu erfassen, der ein tiefer Einschnitt in ihr Leben war.

– „Jusef drehte sich weg.“

– „Er rief noch: ,Passt auf, er hat ein Messer!’“

– „Welche Kraft er aufbrachte, dass er seine Freunde warnte. Dann legte er sich hin.“

- „Der mit dem Messer war weg, abgehauen durch einen Tunnel.“

- „Der war uns scheißegal. Jusef war verletzt.“

- „Er lag da, atmete schwer.“

- „Wir haben alles versucht.“

Das Messer zerteilte ihre Welt in das, was sie gewollt hatten – und das, was daraus geworden war.

Am Tag nach Jusefs Tod wird es in den Medien heißen, dass eine Gruppe ausländischer Jugendlicher am 4. März 2012 zwei Deutsche nach einem Streit auf einem Fußballplatz durch Neukölln gejagt habe, dass die beiden Männer bei sich zu Hause von einem Mob bedroht worden seien und dass sich einer von ihnen mit einem Küchenmesser gewehrt habe. Jusef wird in der Brust getroffen. Die Klinge schneidet in lebenswichtige Gefäße. Weil die Staatsanwaltschaft von Notwehr ausgeht, wird der mutmaßliche Täter Sven N. auf freien Fuß gesetzt, während die Familie El-A. mit dem Schock und der Trauer weiterkämpft. Die Ermittlungen sind nicht abgeschlossen und ziehen sich hin.

Was passieren müsste, um diese Sicht auf die Geschehnisse zu ändern, ist unklar. Aber schwer erträglich ist sie für alle Beteiligten. Für die Familie El-A., die ihren Ältesten verloren hat und damit hadert, dass ein tödlicher Messerstich direkt ins Herz ihres Sohnes als ein Akt der Verteidigung durchgeht. Für Jusefs engste Freunde, die sich zu Unrecht als Unruhestifter bezeichnet sehen. Und für den mutmaßlichen Täter, der in ständiger Furcht lebt, aufgespürt zu werden.

In der Gegend rund um die Weiße Siedlung, die wie eine Felsenburg den Neuköllner Nordosten überragt, kennen sie ihn unter dem Namen Percy. Als er später gefragt wird, warum er angesichts des Mobs nicht auf das Eintreffen der Polizei gewartet habe, wird er sagen, dass er ein Mann sei, der so was selber kläre.

Die Polizei. Sie ist für den 34-Jährigen offenbar gleichbedeutend damit, Scherereien zu bekommen. Schon in den 90ern hat er Jugendstrafen verbüßt unter anderem wegen Raub. 2006 wurde er wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt. Mit einem Messer stach er einem Angreifer in den Hals, es ging um Schutzgelderpressung. Nun lebt er an einem geheimen Ort, reden will er nicht.

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