Berlin : Chronik eines angekündigten Verschwindens

Sitz der Volkskammer, Kulturkombinat, Renommiertempel: Der wichtigste Symbolbau der DDR lässt die Stahlträger hängen

Lothar Heinke

Auf dem Schlossplatz geht es seinen kapitalistischen Gang. Alle, die den Palast der Republik weghaben wollten, können jubeln: Das einstige „Haus des Volkes“, dieses multifunktionale Kongresszentrum, der Politbüro-Raumschiff-Kasten am grünen Strand der Spree, Ost-Berlins kulinarisch-kulturelles Kombinat, lässt traurig seine Stahlträger hängen.

Abgewrackt und ausgeweidet steht es als Torso und magerer Schatten seiner selbst in der Stadtlandschaft. Nun wünschen wohl selbst die geduldigsten Freunde: Das lange Siechtum möge bald ein Ende haben. Es reicht. Man will das alles nicht mehr länger sehen.

Dafür gibt es jetzt wieder neue Ausblicke auf die Stadt. Der einstige Eingangsbereich in der Mitte mit seinen Treppen unter den tausend Lampen ist so total demontiert, dass nun wieder der Alexanderplatz mit dem 37-stöckigen Hotel und dem 368 Meter hohen Fernsehturm ganz nah herbeirücken, vorher waren sie unsichtbar. Rechts klafft nun ein zweites großes Loch im Stahlgerippe: Einst spielten hier die großen Orchester auf, warf Milva ihre rote Mähne über die Schulter, ärgerte Günter Grass seine Aufpasser, lachte uns Loriot eine stille Träne ins Gesicht.

Hier im Großen Saal rockte Udo, und Michail Gorbatschow wunderte sich über seine taubblinden Gastgeber bei der 40. Geburtstagsfeier des Staates, der diesen Palast von 1973 bis 1976 bauen ließ, koste es, was es wolle. Nur der linke Teil gegenüber dem Dom mit Volkskammersaal und Restaurants wartet noch auf den endgültigen Abbruch. In einem Jahr soll alles erledigt sein, dann haben wir einen großen freien Platz, der bebaut werden möchte, wenn alle Fragezeichen zu Ausrufezeichen geworden sind: Was kommt wirklich dorthin? Ab 2010? Wofür? Womit? Von wem? Für wen? Und warum so?

Vorerst werden 20 000 Tonnen asbestgereinigter Stahl nach Roßlau verschifft, zerkleinert und geschmolzen. Mit dem Betonsplit baut man Straßen. Auch die Schaustellen-Plattform für die Hobby-Fotografen und die Galerie am Bauzaun sind ebenfalls schon längst weg. „Selektiver Rückbau“ ist überall. Lothar Heinke

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