CHRONIK : Endlich ein bisschen Ruhe finden

Hauptverdächtiger im Fall Jonny K. stellt sich den Behörden. Am Tatort ist Erleichterung zu spüren.

von und Timo Kather

Im Eiscafé Lampe am Alexanderplatz hat Tina K. viel Zeit verbracht, seit ihr Bruder von sechs Schlägern in der Nähe zu Tode geprügelt wurde. Am Mahnmal genau vor der Eisdiele hängen Bilder von Jonny K., jemand hat ein paar rote und orangene Tulpen niedergelegt. Tina K. ist fast jeden Tag hier, zündet Kerzen an. „Es war eine beschissene Zeit für sie“, sagt Sebastian H., der in dem Café arbeitet. Traurig und gestresst habe Tina K. in den vergangenen Wochen gewirkt. „Aber vielleicht kann sie jetzt einen Abschluss finden“, sagt er. Jetzt, da sich als letzter der sechs Tatverdächtigen auch Onur U. den deutschen Behörden gestellt hat.

Mehrfach hatte Onur U. nach seiner Flucht in die Türkei über Anwälte verlauten lassen, dass er nach Deutschland zurückkehren wolle. Sein langes Zögern war „im Wesentlichen geprägt von der Befürchtung, er könne als der in den Medien zum ,Mörder‘ abgestempelte angebliche Haupttäter keinen fairen Prozess und keine unvoreingenommenen Richter erwarten“, teilte sein Anwalt Axel Weimann mit. Onur U. dürfte auch deshalb zurückgekehrt sein, weil Taten eines 19-Jährigen in der Türkei nicht nach Jugendstrafrecht verfolgt würden, sagte Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) am Montag. Anwalt Weimann teilte mit, der Verdächtige habe seine Befürchtungen überwunden, um einen „Prozess gegen einen Abwesenden zu vermeiden“. Er werde sich im Prozess zu den Anklagevorwürfen äußern.

Dass sie allen mutmaßlichen Tätern beim Prozessauftakt am 13. Mai in die Augen sehen kann, war Tina K. immer wichtig. „Ich habe immer gehofft, dass Onur noch kommt“, sagte sie noch in der vergangenen Woche. Er sei ein „Feigling“, der sich vor der Verantwortung drücken wolle. Seit dem Tod ihres Bruders suchte sie den Kontakt zu den Medien, um das Schicksal ihres Bruders nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. An diesem Montag geht sie mal nicht an ihr Handy.

Ihr Ziel hat sie erreicht. Jonny K. ist nicht vergessen. Als bekannt wird, dass nun alle Verdächtigen in Haft sind, herrscht andächtige Stille am Tatort. Kai Anders aus Kreuzberg hat sich sofort auf sein Fahrrad gesetzt, nachdem er von der Festnahme gehört hatte. Er war selbst vor Jahren von Straßengewalt betroffen, musste ambulant im Krankenhaus behandelt werden. „Früher habe ich reflexhaft geholfen“, sagt er, „doch seitdem wäge ich ab. Ich halte mich nicht raus, bin aber auch kein Märtyrer.“

Eine Schulklasse aus dem sächsischen Bernstadt macht am Mahnmal Station, der Reiseführer erklärt, warum Jonny K. hier sterben musste. Gerade in Schulen will sich Tina K. mit Präventionsprojekten auch durch ihren Verein „I am Jonny“ engagieren. An Jonny K.s Geburtstag am Sonntag organisierte sie ein großes Benefizkonzert. Etwa 1000 Gäste kamen, sagen die Veranstalter. Am Sonntag hat Tina K. auch ihren Dank an Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgesprochen, die sich wegen des Falls Onur U. an den türkischen Staatspräsidenten gewandt hatte. Beim Konzert dürften durch Eintrittsgelder und Spenden mehr als 30 000 Euro zusammengekommen sein – für Projekte mit Musik, Schauspiel und Kunst.

14. Oktober Sechs

Männer attackieren

den 20-jährigen Jonny K. nahe dem Alexanderplatz. Er stirbt in der Nacht im Kranken-

haus.

24. Oktober Der erste Verdächtige wird festgenommen. Zwei weitere stellen sich.

28. Oktober Hunderte Menschen nehmen an der Trauerfeier für Jonny K. teil.

29. Oktober
Reporter der „Bild“-Zeitung spüren einen der Hauptverdächtigen, Onur U., in der Türkei auf. Auch der Verdächtige Bilal K. hält sich dort auf.

21. November
Tina K., die Schwester des Opfers, verkündet bei einer Rede in der Marienkirche nahe dem Alexanderplatz die Gründung des Vereins „I am Jonny“, der sich für Gewaltprävention einsetzen will.

22. November Tina K. erhält einen „Bambi“ für ihr Engagement gegen Gewalt.

6. März Die Staatsanwaltschaft Berlin erhebt Anklage gegen vier Tatverdächtige. Kurz darauf reist auch Bilal K. aus der Türkei ein und wird verhaftet.

8. April Kurz nachdem die Türkei angekündigt hat, eigene Ermittlungen einzuleiten, stellt sich auch Onur U. den deutschen Behörden.

13. Mai Prozessauftakt in Berlin.sny

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