Berlin : Ciao, Bello

Hund Kuno kam Weihnachten 2005 ins Tierheim. Die Promenadenmischung hatte Glück im Unglück

Stefan Jacobs

Jamie O. heißt jetzt Kuno. Manchmal nennt Petra Gräwe ihn auch Kunibert oder Schnurzel, aber darauf kommt es nicht an bei einem Tier, das die Autorität eines Schäferhundes ausstrahlen könnte, wenn nicht sein anderer Elternteil ein strubbeliger Schnauzer gewesen wäre und die Ohren die einer Riesenfledermaus wären. Im Moment versucht Kuno gerade in wilder Rotation auf dem Wohnzimmerteppich, seinen Schwanz einzufangen, gleich wird er wieder Petra Gräwe vor lauter Liebe in die Hand beißen. So sieht also das glückliche Ende einer Weihnachtsgeschichte aus, die vor einem Jahr so traurig begonnen hatte.

Die Geschichte hat sogar gleich zwei traurige Anfänge: Der eine hieß Jakob, hatte schwarzes Fell und musste nach schwerer Krankheit ausgerechnet am ersten Weihnachtsfeiertag von Petra Gräwe beerdigt werden. Der andere wurde von Tierfreunden am selben Tag irgendwo in der Stadt aufgelesen – als eines der ersten jener Weihnachtsopfer, vor denen Tierschützer Jahr für Jahr vergeblich warnen. Er war in Ungnade gefallen wie etwa 50 andere unglückliche Tiere; 20 davon Hunde, die vielleicht zu Heiligabend an den Christbaum gemacht oder ins Sofa gebissen haben oder ohnehin zum Teufel gejagt werden sollten, wer weiß. Eine Mitarbeiterin des Tierheims gab ihm den provisorischen Namen Jamie O. und schrieb auf seinen Begleitzettel: „Fundtier, sehr lebhaft, bleibt nicht allein.“

Zwei Tage später jedenfalls beschloss Petra Gräwe, wieder einen Hund zu erlösen. Es gibt für sie kaum Schlimmeres, als an den Stadtrand zum Tierheim Falkenberg zu fahren und zwischen den Käfigen mit traumatisierten Kläffern und unvermittelbaren Kampfhunden entlangzugehen. „Und dann saß er da wie Karl Napf und guckt mich so an“, sagt sie und krault Kuno den Hals. Sie hatte sich einen Tag zur Probe ausbedungen, um ihn zu prüfen: Erst ist sie mit ihm Auto gefahren, dann Straßenbahn. Sie hat ihn in die Wohnung gesperrt und von draußen geklingelt, um den Hysterietest zu machen. Anschließend lud sie einen Freund mit selbstbewusstem Schäferhund und eine Freundin mit neugierigem Baby ein. Nachdem das Kind ein Weilchen auf dem Neuen gesessen und ihm gemütlich in Ohren und Augen herumgebohrt hatte, beschloss Petra Gräwe, ihn zu adoptieren. Sie las ihm eine Liste mit ihren Lieblingsnamen vor, und weil er bei Kuno ankam, durfte er den Namen gleich behalten.

Wenig später stellte Kuno sie auf die Probe, als sie die Wohnung ohne ihn verließ: Bei ihrer Rückkehr war das Wohnzimmer mit rosa Schnipseln dekoriert, die sich als Reste einer Großpackung Mon Chéri entpuppten. Kuno lag rücklings und betrunken auf Petra Gräwes streng verbotenem Hochbett und schnarchte auch weiter, als sie ihn mit Socken bewarf.

Wochen später hörte sie im Supermarkt in der Kassenschlange die Durchsage: „Hallo, wem gehört der Hund an der Fleischtheke?“ Bitte nicht, dachte sie, und dann, dass sie Kuno wohl nicht fest genug vor dem Laden angebunden hatte. Aber abgesehen davon – es war das Halsband, das zu lose war – kann sie nur Gutes über ihren Hund berichten. Er hört auf Sitz! und auf Ab!, wobei das nur im Auto gebraucht wird, wenn er ohne Gurt vorn sitzt und bei Polizei in Sichtweite abtauchen soll.

Dann gibt es manches, worüber Petra Gräwe bisher lieber geschwiegen hat. Aber jetzt kann sie es erzählen, denn dieses Jahr schenkt ihr Vater ihr zu Weihnachten einen Gutschein für die Hundeschule. Dort muss Kuno beispielsweise seine Marotte abtrainiert werden, Kindern ihr Eis aus der Hand zu klauen. Wenn er dann außerdem nicht mehr wie ein Verrückter an der Leine zerrt, wird er bald voll integriert sein im „Mutter-und- Kind-Bezirk“, wie Petra Gräwe ihre Gegend um den Kollwitzplatz nennt. Kuno liegt neben ihr auf dem Uraltsofa und rollt mit den Augen.

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