Circus Mondeo : Sternchen in der Manege

Im Circus Mondeo in Britz-Süd werden Kinder in Workshops zu richtigen Artisten. Das schult nicht nur Geschick und Beweglichkeit, sondern macht auch teamfähig.

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Mehr als Turnen. Im Circus Mondeo auf dem ehemaligen BVG-Gelände in der Gutschmidtstraße in Neukölln können Kinder für den großen...Fotos: Kitty Kleist-Heinrich

Thuy-Tien ist klein, zart und mutig. Steif wie ein Brett hängt die Siebenjährige unter dem Trapez. Ihr langer Zopf baumelt in der Luft. Gehalten wird sie von der zwölfjährigen Janine, die kopfüber in der Trapezschaukel hängt. „Durchstrecken und so bleiben“, dirigiert Julia Richter vom Circus Mondeo die Schülerinnen der Martin-Lichtenstein-Grundschule. Janine schnauft. Thuy-Thien hält die Spannung. Es ist ihr zweiter Tag am Trapez und das erste Mal, dass die Mädchen diese Figur üben. Heute nur einen Meter über dem Boden. In zwei Tagen werden beide hoch unter die Zirkuskuppel gezogen.

Im Circus Mondeo machen Kinder das Programm. Woche für Woche trainiert die siebenköpfige Zirkusfamilie Richter vorrangig Schulklassen auf dem ehemaligen BVG-Gelände in Britz-Süd für den Manegenauftritt. Während der Projektwochen ist die Manege für Kinder aus Berlin frei. So wie jetzt in den Osterferien, wenn die Kinder morgens trainieren und mittags gemeinsam mit den Eltern essen. Die Kosten für den Kurs variieren je nach Größe und sozialen Möglichkeiten der Teilnehmer. Neuköllner Klassen bezahlen zehn Euro die Woche.

In den Workshops werden die Schüler zu Akrobaten, Clowns, Trampolin- oder Hula-Hoop-Künstlern. Die Orientalgruppe besteht aus Bauchtänzerinnen und Scherbenläufern. Es gibt Kamel-, Lama- und Pferdeführer, die mit den Tieren Kunststücke zeigen. „Viele Kinder kennen den Zirkus nur aus dem Fernsehen und haben Tiere noch nie hautnah erlebt“, sagt Zirkusdirektor Gerhard Richter. Die Erstklässlerin Thuy-Tien hat sich für die Trapezgruppe entschieden, „weil das so cool klang“. Für ihre Partnerin Janine ist einfach alles nur aufregend, „auch wenn die Übungen anstrengend sind und manchmal die Finger brennen“.

Das Neuköllner Quartiersmanagement erwartet sich viel von Richters Zirkus-Zauber. Seit drei Jahren gibt es das Projekt in Neukölln. In verschiedenen Zirkusdisziplinen sollen individuelle Talente, aber auch der Teamgeist und die Bewegungs- und Wahrnehmungsfähigkeit der Kinder gefördert werden. „Viele Kinder sind sportlich, andere können nicht einmal rückwärts laufen oder auf einem Bein stehen“, sagt Richter. Die zwei Gruppen sind absichtlich in unterschiedliche Altersklassen geteilt worden. „Wenn große und kleine Kinder zusammenarbeiten, lernen sie am besten, Verantwortung füreinander zu übernehmen und sich mit der Gruppe zu identifizieren“, sagt er.

In der gemeinsamen Woche sollen die Schüler lernen, Einsatzbereitschaft und Ausdauer für ein gemeinsames Ziel zu zeigen. Die Zirkusfamilie will die Kinder in der Woche dazu motivieren an sich zu glauben. „Wir können etwas in den Kindern bewegen“, sagt Richter. Die Erfolgserlebnisse, sagt er, wirkten sich auch auf die persönliche Entwicklung der Kinder aus. „Wir wollen ihnen zeigen, dass sie so werden können wie ihre Trainer, wenn sie nur üben.“

So sieht das auch Thomas Schlude, Lehrer an der Martin-Lichtenstein-Schule, der mit seiner sechsten Klasse schon mehrmals dabei war. „Sie waren jedes Mal restlos begeistert und wollten unbedingt wieder hierher.“ Die Zirkusfamilie könne sehr gut abschätzen, was welches Kind leisten kann. „Durch die Disziplin, die ihnen abverlangt wird, machen Kinder die Erfahrung, dass sie mehr aus sich herausholen können, als sie glauben.“ Für viele sei es der erste Auftritt vor Publikum. „Eine echte Manege, das Licht, die Musik: Wir hatten fast alle Tränen in den Augen – ein bewegendes Erlebnis.“

Thuy-Tien will ihre Eltern mit ihrem Auftritt überraschen. Die kleine Vietnamesin hat ihnen nicht erzählt, was genau sie im Zirkus lernt. „Sie hat ein großes Herz – eine Artistennatur“, sagt Zirkusdirektor Gerhard Richter über die Siebenjährige, die nie in einem Sportverein war. Jetzt muss Thuy-Tien erst mal die Generalprobe überstehen, bei der es unters Zeltdach geht. Ein wenig nervös ist sie, doch sie sagt: „Ich werde es machen.“

Circus Mondeo, Tel. 0172-38 14 308; www.circus-mondeo.de

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