Berlin : Claus Geißler (Geb. 1940)

Amtsgericht, Provinz: Er verkündete, am Ende seiner Ziele angelangt zu sein.

Anne Jelena Schulte

Claus, das war der Junge mit dem roten Cordjackett, der immer Einsen schrieb. Claus, das war die kindliche Hauptrolle in der Fernsehkomödie „Vati macht Dummheiten“. Claus, das war der Berliner Meister im Kinderradrennen.

Claus war genau so, wie seine Mutter, eine ehrgeizige Lehrerin, es von ihrem einzigen, spät geborenen Kind erwartete. Auch der Vater, ein Jura-Professor, verlangte, dass sein Junge besser sei als die anderen, doch meinte er das eher weltanschaulich. Er versorgte den Spross regelmäßig mit Schriften von Marx, Engels, Trotzki, Liebknecht und Luxemburg. Die Lektüre lohnte schon deshalb, so stellte Claus bald fest, weil er damit die brave Wirtschaftswunderwelt ringsum so schön provozieren konnte.

Dass er von den älteren Klassenkameraden nur „Bübi“ genannt wurde, störte Claus nicht. Er wusste, dass er bewundert wurde, nicht nur für seine Leistungen, sondern auch für seinen Witz, seine Großzügigkeit und vor allem für sein Kindermädchen.

„Amme“, wie Claus die ältliche Jungfer mit dem Glasauge rief, war seine persönliche Bedienstete. Wenn Claus es wünschte, lief sie mitten in der Nacht los, um Zigaretten zu beschaffen. So versorgt, saß „Bübi“ dann mit übereinander geschlagenen Beinen im Kreise der Freunde und kritisierte deren Weigerung, die kapitalistische Ordnung zu hinterfragen.

So sehr er seine Freunde mit seinen Reden in den Bann zu ziehen wusste, so sehr wurde Claus insgeheim von ihnen belächelt: Ein Revolutionär würde er kaum werden, eher der Mann mit dem mächtigsten Posten und dem dicksten Portemonnaie.

Doch ausgerechnet der Musterschüler Claus zeigte wenig beruflichen Ehrgeiz. Er schloss sein Jurastudium mit mäßigen Noten ab und wurde angestellt in der „Sonderbeschwerdekammer“ des Berliner Landgerichts. Diese Stelle war ihm vor allem deshalb sehr genehm, weil sie wenig Anwesenheit erforderte.

So hatte er mehr Zeit für sein Segelboot, das in der Lübecker Bucht lag. Dafür gab er seine Stelle schließlich ganz auf, zog in die holsteinische Provinz und ließ sich dort in einem kleinen Städtchen als Amtsrichter anstellen. Amtsgericht, Provinz, die Berliner Juristenfreunde schüttelten mitleidig den Kopf. Claus aber verkündete, am Ende seiner Ziele angelangt zu sein.

Beim Amtsgericht habe er es mit denen zu tun, die man gemeinhin „die kleinen Leute“ nenne. Genau für diese Klientel und für keinen sonst wünsche er zu arbeiten. Im Übrigen habe er sich seinen beruflichen Aufstieg längst durch ständigen Ärger mit den höheren Instanzen vermasselt. Die hätten große Probleme mit seinen Urteilen. Die seien nämlich, so erzählte er mit Genugtuung, ungewöhnlich, weil gerecht.

Manchmal besuchten die alten Schulfreunde ihn in seiner neuen Heimat. Dort fuhr er teure Motorräder, machte einen Jagdschein, genoss die Bewunderung, die das Städtchen dem Herrn Richter entgegenbrachte. Die Arbeit im Haushalt und die Erziehung der beiden Kinder überließ er seiner Frau, einer Ärztin.

Nach wie vor aber besorgte er sich jede politische Neuerscheinung, schliff an seinen Argumenten zur Verteidigung des Kommunismus. An launigen Tagen verschenkte er Geld, und immer beherbergte er bei sich daheim Gestalten, die er auf den Gerichtsfluren eingesammelt hatte: Leute mit Drogenproblemen, illegal lebende Einwanderer. Der herrische Tonfall, in dem er mit diesen Leuten sprach, erinnerte an seinen Umgang mit „Amme“.

Das Beste an Claus war, dass man ihm seine Widersprüchlichkeit und seine Dekadenz vorwerfen durfte, ohne dass er sich davon beleidigt zeigte. Er ließ dann das Kinn auf die Brust sinken, wiegte den Kopf, gab zustimmende Brummgeräusche von sich und öffnete ein neues Bier.

Manchmal erzählte er von dem Stadtstreicher, den er wegen irgendwelcher Saufgeschichten verurteilen sollte. „Aber Herr Richter, Sie sind doch mindestens so blau wie ich!“, protestierte der. „Da haben Sie recht, hab ich geantwortet.“

Irgendwann war Schluss, Claus musste in Frührente. Um sein drittes Kind, das er mit einer Geliebten bekommen hatte, kümmerte er sich mit ungewohntem Eifer. Dieses dritte Kind zeigte Entwicklungsstörungen, schien ein Außenseiter zu werden, also einer von denen, für die Claus so gerne stritt. Auch die Mutter dieses Kindes war eine, die kurz vor dem Absturz stand. Claus wollte sie bei sich einziehen lassen und erwartete, dass seine Frau das duldete. Kein Besitzdenken, schon gar nicht in der Liebe, das musste sie doch verstehen. Die Frau aber meinte, dass es diesmal an ihm wäre zu verstehen: Dass niemals alles auf einmal geht, Reichtum und Gerechtigkeit ebenso wenig wie eine glückliche Ehefrau und eine glückliche Geliebte unter einem Dach.

„Sie ist gegangen“, sagte Claus am Telefon zu einem Freund. „Nein, sie kommt nie mehr zurück.“ Er hatte sie draußen im Garten gefunden, neben ihr lag eine seiner Jagdpistolen.

Acht Jahre folgten, Jahre, die Claus mit viel Sekt und Bier irgendwie überstand, am liebsten weit draußen auf hoher See, die er auch dann noch zum Kampf aufforderte, wenn alle anderen, den Empfehlungen des Seewetterdienstes folgend, ihre Schiffe im sicheren Hafen vertäut hatten. Auf hoher See haben die Freunde schließlich seine Asche verstreut. Anne Jelena Schulte

1 Kommentar

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben