Berlin : Claus Peter Haensch (Geb. 1925)

Die Abteilung leiten, endlose Sitzungen, dicke Verwaltungs- bretter.

Stephan Reisner

Er malte Landschaften mit Pastellkreide und schrieb halbbiographische Erzählungen. Abends, wenn seine Familie im Nebenzimmer Karten spielte, saß er lesend im Sessel und notierte Aperçus. Gern hielt er auf Familienfesten eine Rede, und wer in der großen Wohnung am Lietzensee zu Gast war, der staunte über die Einrichtung und die Gemälde an den Wänden. Ein Jurist im Staatsdienst mit bemerkenswertem Kunstsinn.

Dass er studieren würde, stand von Anfang an fest. Er entstammte einer Akademikerfamilie. Nur für ein Fach konnte er sich nicht so leicht entscheiden. Als er aus dem Krieg zurückkehrte, unversehrt und desillusioniert, sah er die Mahnplakate der Alliierten mit Bildern aus den Konzentrationslagern. Da wusste er, was er studieren wollte: das Recht. Etwas war in seinem Land schief gelaufen, er wollte wissen warum. Was bedeutet Gerechtigkeit? Wie erreicht man sie? Als erste Lektion lernte er, dass ihm als Sohn eines Landarztes im neu gegründeten Arbeiter- und Bauernstaat kein Studienplatz zustand. So ging er nach Würzburg, dann nach Frankfurt am Main und examinierte schließlich in West-Berlin.

Als Zuhörer bei den Nürnberger Prozessen sah er in die Gesichter der Männer, die den Massenmord geplant, gebilligt und gutgeheißen, sich aber die Finger selbst nicht schmutzig gemacht hatten. Später, als Referendar in Berlin, lernte er einen mit Blut an den Händen kennen: den SS-Hauptsturmführer Kurt Gildisch. Auf Befehl Heydrichs hatte der im Zuge des so genannten Röhm-Putsches den Katholiken Erich Klausener erschossen, hinterrücks im Büro. Was Claus Peter Haensch beeindruckte: Die Familie des Opfers schickte dem Täter Essenspakete ins Gefängnis und betete für ihn.

Über die grundsätzlichen Dinge reiflich nachzudenken, sie zu verstehen, das entsprach seinem Wesen. „Multum, non multa“, sagte er. Lieber etwas ganz, als vieles halb. Smalltalk in Gesellschaften? Um mit jemanden bekannt zu werden, durchaus. Er war ja kein ungeselliger Mensch, ganz im Gegenteil, sogar ein charmanter Gastgeber. Aber nach den ersten Höflichkeitsbekundungen musste schnell die Tiefe folgen, sonst zog er sich in aller Bescheidenheit zurück. Wer herumsalbaderte und ihm mit Klischees kam, insbesondere über den Berufsstand des Politikers, der konnte ihn sehr engagiert erleben. In der Sprache, in der Moral – da war er genau.

Ein Jahr lang führte er Protokoll über seine Arbeit in der Wissenschaftsverwaltung, um herauszufinden, welche Ergebnisse sein Tun zeitigte. Tagein, tagaus die Abteilung leiten, endlose Sitzungen, dicke Verwaltungsbretter.

Ein ernüchterndes Protokoll: so viel Routine. Wenn er allerdings eine Rede für den Senator schrieb oder ihn auf einem Empfang vertrat, dann ging seine gedankliche Schärfe in sprachlicher Präzision und rhetorischer Kreativität auf. Gern erinnerte er sich an die Zeit, als er als junger Regierungsassessor des Senats im Audimax mit den aufgebrachten 68er-Studenten über die Hochschulreform diskutierte.

Spontaneität gehörte nicht zu seinen ersten Charakterzügen, aber eine Burgruine oder ein Schloss am Rande seiner Wege ließ er selten unbesucht. Jeder in der Familie wusste, was es bedeutete, wenn auf dem Weg in den Urlaub ein Banner oder ein Turm gesichtet wurde: „Ah, eine Burg!“ Nächste Abfahrt runter, dann den Hinweisschildern folgen. Die Stippvisiten waren immer gut für eine Erzählung.

„Du bist ganz schön eitel, sagte er sich, als er die Namen derer zählte, die eine Todesanzeige bekommen sollten“ – so fing er seine letzte Geschichte an, „die er nicht mehr zu Ende schreiben konnte, weil die Schmerzen im Bauch“ zu stark wurden. Nein, übertrieben eitel war er nicht. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wäre seine Verabschiedung noch viel schlichter ausgefallen. Aber dieser Wunsch konnte „wegen der für Beerdigungen geltenden Vorschriften nicht erfüllt werden“.

In einem schnörkellosen Eibenholzsarg, geschmückt mit Mignondahlien, wurde Claus Peter Haensch beigesetzt. „Ich will verstehen“, stand über seinem Namen in der Todesanzeige. Das Zitat von Hannah Arendt hatte er ausgesucht. Stephan Reisner

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben