Berlin : Clowns mit Schaumschleier

Das Top-Thema bei der Witzigmann-Premiere war das Duell mit seinem früheren Schüler Wodarz: Gefühl schlägt Perfektion

Elisabeth Binder

Warum will der Lehrer (Witzigmann) den Schüler (Wodarz), der bei ihm das Kochen gelernt hat, im Show-Business überholen? Er müsste doch eigentlich viel weiter sein. Um dieses Rätsel zu ergründen, begaben sich die Spitzen der Berliner Gesellschaft am Donnerstagabend zum Leipziger Platz, dort in den Palazzo, der das neue Dinner-Theater beherbergt. Natürlich war das Duell der Meister das Hauptthema und auch die Frage, ob es wirklich okay ist, dass Witzigmann seinem Ex-Schüler mit dessen eigener Idee auf dem von ihm erschlossenen Terrain nun Konkurrenz macht. Bevor wir allzu schnell ins Lästern geraten, lassen wir lieber den Regierenden Bürgermeister zu Wort kommen, der ist ein weiser Mann, der gelassen sagt: „Ich würde mich freuen, wenn beide Erfolg hätten.“ Und im Übrigen könne Herr Witzigmann fantastisch kochen. Das mag stimmen. Nur reden kann er leider überhaupt nicht. Wo Wodarz in der Rolle des Zirkusdirektors richtig aufblüht, liest Witzigmann eine etwas hölzerne, Schiller zitierende Rede vom Blatt wie ein Drittklässler, der seine Hausaufgaben aufsagen muss und behauptet dann auch noch, er setze damit „das Protokoll außer Kraft“. Hey! Dies ist Berlin.

Gleich danach kam glücklicherweise Shequida, und die Drag Queen mit ihrer fünf Oktaven umfassenden Stimme aus New York ist wirklich große Klasse. Der Star der Show. Wie sie als „Callas“ die Arie der Wally frei nach dem Film „Diva“ sang und dabei liegend so schön mit den Beinen strampelte, erinnerte sie fast ein wenig an Witzigmann selbst, der ja, wie man weiß und wie auch alle immer wieder artig sagten, fantastisch kochen kann.

Das Meerrettichmousse bei „Timbale von Flusskrebsen“ war vielleicht ein bisschen zu glatt, aber der Fisch war vorzüglich und das Arrangement schon origineller als bei der Konkurrenz. „Supreme vom Steinbutt mit Tomatenkruste“ trug noch einen feinen Schaumschleier über dem fruchtig körnigen Graupenrisotto. Witzigmann weiß, wie man einen Gaumen liebkost. Einen Gang in dieser Präzision bei einer Massenabfütterung von 400 Leuten auf den Tisch zu bringen, dass verlangt eine Menge Tüftelei bei der Konzeption vorab, ja, und auch Genie. Gleiches gilt für das superzarte, exakt gegarte Filet vom Milchkalb im (nicht ganz so) krossen Brotmantel auf sehr feinem, wokig knackigen Wirsinggemüse. Und der Nachtisch war ein Hit, besonders die eingelegten Bananen zum zart krossigen Kokos-Ananaseis und einer begnadet fruchtigen Délice aus Schokolade und Cappuccino. All das legte schon eine Latte und wird Herrn Wodarz dazu veranlassen, sowohl an seiner warmen Suppe wie auch an seiner leckeren Ente noch ein bisschen zu feilen.

Beim Nachtisch lichteten sich die Reihen schon ein wenig, es war ja auch schon Mitternacht, und jemand philosophierte darüber, dass in Berlin eben alles spritzig und schnell über die Bühne geht. Und dass die moderierende Berliner Göre einfach furchtbar sei. Das fanden viele. Stellt man sich in München wirklich so det jute Ickedettekiekemal-Berlin vor? Arrrrrrgh! Wenn nach gut fünf Stunden beim Finale ein mit Champagner und gutem Rotwein kräftig durchtränktes Premierenpublikum noch wach und diszipliniert genug ist, den Beifall in höflichen Grenzen zu halten, statt sich selig trunken dem Rausch einer Standing Ovation hinzugeben, ist das schon ein Statement. Das verlangt nach Nachbesserungen in erster Linie im Showteil. Der hat seine Highlights, vor allem mit der beängstigend guten Schlangenfrau Nataliya Vasylyuk, mit dem Ehrfurcht gebietender argentinischen Jongleur Paul Ponce und dem rassigen Kraftkünstler Oleg Chudan.

Die Clowns waren weniger eindrucksvoll, was daran liegen mag, dass Witzigmann überall da glänzt, wo es um perfektionierte Präzision geht, und überall da Schwächen zeigt, wo es um Seele geht. (Bei meinem letzten Pomp-Duck-Dinner hatten sich alle Männer am Tisch in die Klofrau verliebt und sprachen offen darüber, ohne dass es peinlich wirkte. Bei Witzigmann gibt es keine Klofrau, nur Schilder, auf denen steht „Kein Trinkwasser“).

Das Foyer ist mit kleinen Treppen übersät und somit voller Stolperfallen. Hit-Produzent Jack White erzählte dort anschließend, wie er mit Witzigmann immer Fußball gespielt hat. (Er war mein Verteidiger, ich war sein Libero.) Er fand alles uneingeschränkt fantastisch. Ach, die Treue der Fußballer!

Warum wird der Lehrer Witzigmann seinen Schüler Wodarz, der einst das Kochen bei ihm gelernt hat, nun wohl doch nicht überholen? Witzigmann will Geld verdienen, das ist legitim. Für ihn ist es ein Geschäft. Er hat noch Zelte in drei weiteren Städten, jettet hin und her. Wodarz will sein Ding machen, will Zirkusdirektor sein, das ist sympathisch. Für ihn ist das, was er in dem einen Zelt macht, sein Leben. Und darin, liebe wilde Malerin Elvira Bach, liegt wohl auch die Antwort auf Ihre Frage kurz vorm Dessert. Sie sagten, dass es Ihnen gut gefällt, dass aber etwas „Ich weiß nicht was“ fehle. Dann fragten Sie: „Wissen Sie’s?“

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