Clubsterben : Bis zur letzten Flasche

Der Club Maria am Ostbahnhof muss schließen Vorher wird aber noch drei Nächte lang ein rauschendes Finale gefeiert. Wie es weitergeht, ist noch offen.

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Es heißt Abschied nehmen. Hotel, Büros, Wohnungen – das ist die Zukunft des Areals, auf dem noch bis zum Wochenende das Maria zum Feiern einlädt.
Es heißt Abschied nehmen. Hotel, Büros, Wohnungen – das ist die Zukunft des Areals, auf dem noch bis zum Wochenende das Maria zum...Foto: Martin/Le Figaro Magazine/laif

Die Rundmail, die das Ende verkündet, ist sachlich und unemotional formuliert. „Nach mehr als zwölf Jahren schließen wir unseren Club Maria am Ostbahnhof“, heißt es in dem Schreiben. Zudem bedankt sich Verfasser Ben de Biel „bei allen Freunden, Künstlern, Labels, Agenturen und unserer Crew für die vielen Jahre, in denen wir ein wirklich tolles Programm machen durften“. Unspektakulärer kann man einen Abschied nicht inszenieren, zumindest nicht schriftlich.

Spektakulär hingegen ist das Programm für den finalen Countdown, der am Donnerstag beginnt, unter anderem mit Techno-Veteran Tanith. Am Freitag stehen Tok Tok und die Gebrüder Teichmann auf der Bühne, die letzten Stunden in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag bestreiten Modeselektor und Thomas Fehlmann. Gefeiert werden soll so lange, bis es nichts mehr zu trinken gibt, verkündete Betreiber Ben de Biel im Vorfeld. Nachdem der letzte Gast verabschiedet, der Laden aufgeräumt und das Licht des roten Schriftzugs am Eingang erloschen ist, will er sich wieder verstärkt seinem eigentlichen Beruf widmen – der Fotografie.

Gut acht Jahre hat die Maria an ihrem jetzigen Standort residiert, an der Schillingbrücke in Friedrichshain, direkt am Ufer der Spree. Zuvor befand sich der Club nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt in einem ehemaligen Lager- und Verwaltungsgebäude des Postbahnhofs direkt am Ostbahnhof. Von Anfang an ging es Betreiber Ben de Biel nicht um einen Club im klassischen Sinne. Neben DJs wollte er seinem Publikum immer auch Liveauftritte bieten. So stellten einst die Beastie Boys ihre neue Platte in der Maria vor – die Karten waren so schnell ausverkauft, dass einige Fans auf dem Schwarzmarkt für das Konzert das Zehnfache zahlten. Auch die Black Eyed Peas, die White Stripes und Reggae-Star Sean Paul spielten in der Maria. Legendär ist ein Konzert von Sängerin Peaches, bei dem die exaltierte Künstlerin eine CD verschenkte. Oder besser: verschenken wollte. Wer den Silberling haben wollte, sollte ihn sich aus ihrem Slip fischen. Getraut hat sich niemand.

Ob und an welcher Stelle die Maria noch mal auferstehen wird, steht bislang nicht fest. Wie es weitergeht, werde man erst nach dem Finale mitteilen, sagt Ben de Biel. Der 48-Jährige hat bereits mögliche Alternativstandorte besichtigt. Wo, will er jedoch nicht verraten. Nur so viel: Mit einem neuen Club würde er nicht in einen Randbezirk ziehen, das neue Domizil sollte schon möglichst zentral liegen. Ein Kriterium, das die Suche ziemlich erschweren dürfte, denn günstige Zwischennutzungsobjekte in der Innenstadt gibt es kaum noch.

Dass sich die Bedingungen für Clubbetreiber verändert haben, weiß Ben de Biel aus eigener Erfahrung – er kennt noch die unbeschwerten Jahre direkt nach dem Mauerfall. Nach der Wende kam der gebürtige Hesse, mit bürgerlichem Namen Benjamin Biel, nach Berlin – zuvor hatte er in Hamburg bei der Fotoagentur Visum ein Praktikum absolviert. Er lebte in einem besetzten Haus in Mitte, lernte bald die Leute aus dem Tacheles kennen. Dort betrieb er im Keller die „Ständige Vertretung“, seinen ersten Club. Später wechselte er zum „Eimer“ in der Rosenthaler Straße, wo unter anderem Rammstein ihre ersten Konzerte gaben. 1998 zog es Biel nach Friedrichshain. Am Ostbahnhof eröffnete er die Maria. Die Gegend war noch ausgehtechnisches Niemandsland.

Dass sie mittlerweile zu einer der beliebtesten Partymeilen der Stadt gehört, ist unter anderem Ben de Biel zu verdanken: Ein paar Monate später ließ sich nur wenige Meter von der Maria entfernt das Ostgut nieder, Vorläufer des Berghains. Nach der Jahrtausendwende folgten zahllose Strandbars. Viele haben nun um ihre Existenz zu kämpfen, und das nicht wegen rückläufiger Besucherzahlen. Längst interessieren sich finanzkräftige Investoren für die Grundstücke in der Gegend. So auch für das der Maria an der Schillingbrücke. Das Gelände wurde von einem Hamburger Projektentwickler gekauft, der darauf ab dem nächsten Jahr ein Hotel, Büros und Wohnungen errichten möchte.

Maria am Ostbahnhof, Stralauer Platz 34/35, 2., 20. und 21. Mai, jeweils ab 23 Uhr

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