Clubszene in West-Berlin : Das Leben nach dem Nachtleben

Techno gab es noch nicht, damals, in den 80ern, in West-Berlin. Aber Menschen, die es mit dem Ausgehen ernst meinten. Ihr Revier war Schöneberg, eine Clubszene, die verschwunden ist. Was machen die, die darin lebten, heute? Drei Frauen, drei Wege.

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Locker aus der Hüfte. Wenn ihr danach ist, tanzt Anne Wilke auch heute noch Hula-Hoop - wie in den 80er Jahren auf der Theke ihrer Berlin Bar.
Locker aus der Hüfte. Wenn ihr danach ist, tanzt Anne Wilke auch heute noch Hula-Hoop - wie in den 80er Jahren auf der Theke ihrer...Foto: Dorothea Tuch

"Eine musste die Kontrolle behalten"

Später Abend im Hebbel am Ufer. Anne Wilke, Wirtin von Berlins seinerzeit einziger Punkkneipe, tanzt Hula-Hoop. Die Tanzfläche ist fast leer, was Anne Wilke ausnutzt für ihren raumgreifenden Tanz. Sie trägt eine rote Brille und ein weißes Strickkleid mit schwarzen Punkten. Zur Buchpremiere eines Bildbandes über das Berliner Nachtleben ist sie ins Hebbel-Theater gekommen. Als DJ ist dort Gudrun Gut gebucht, Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten und damals Gast in Wilkes Kneipe Shizzo. Das Shizzo schloss 1980. Wilkes zweite Kneipe, die Berlin Bar in der Uhlandstraße, hielt sich bis 2000: 18 Jahre. Dort perfektionierte sie ihren Reifentanz.
Ein kalter Frühlingstag. Für ein Interview hat Wilke, die nach Ende der Berlin Bar in die Nähe des S-Bahnhofs Charlottenburg zog, das Lenz am Stuttgarter Platz vorgeschlagen. Anne Wilke, 63, sitzt mit dunkelbraunem Webpelz und zur Brille passender roter Handtasche vor dem Lokal und zündet sich eine Zigarette an. Das Gespräch wird häufig unterbrochen, Bekannte kommen vorbei und begrüßen sie.


Frau Wilke, Sie betreiben eine Firma für Pyrotechnik. Was machen Sie da?
Ich veranstalte Feuerwerke. Mein Ex-Freund war begeisterter Feuerwerker, er steckte mich an. Seit 2007 bin ich selbst IHK-geprüfte Bühnenpyrotechnikerin. Dazu muss man theoretischen Unterricht machen über chemische Reaktionen, Haftungsfragen und Zündmechanismen.
Sie lebten als Wirtin fast dreißig Jahre lang nachts.
Das tue ich immer noch. Ich bin von Natur aus nachtaktiv. In meinen Bars ging es meist erst ab 6 Uhr richtig los. Ich kam oft erst mittags ins Bett.
Gehen Sie noch aus?
Dazu muss ich mich schon aufraffen. Doch wenn ich auf Geburtstage oder so gehe, bin immer noch die Letzte, die geht. Ich kann gar nicht anders. Zwischendurch helfe ich mit aufzuräumen, wohl eine Berufskrankheit. Ich mag es nicht, wenn Gäste in Privathaushalten die Bierflaschen stehen lassen. Oder wenn die Aschenbecher überquellen. Allerdings, im Shizzo habe ich schon mal, als sich ein Gast über den vollen Ascher beschwert hatte, den Inhalt unter den Tisch gekippt und gesagt: "Jetzt ist er wieder leer."
Angeblich servierten Sie dort die Getränke extra in Gläsern mit Sprüngen.
Das wäre mir zu gefährlich gewesen! Viele Gläser kamen gar nicht zum Abwasch zurück. Die Punks bescherten mir unglaublichen Glasbruch. Einer meiner Gäste, Johnny, hat sich später bei mir entschuldigt. Er meinte: "Anne, tut mir leid, wir dachten, die Gläser kriegst du von der Brauerei." Dabei musste man die damals schon teuer einkaufen.
Ärgerlich, Scherben zusammenzukehren, weil andere es cool finden, Gläser kaputt zu schlagen.
Das gehörte dazu. Ich habe ja im Grunde eine bessere Jugendherberge betrieben. Um 17 Uhr, als wir aufmachten, kamen die 15- bis 17-Jährigen und bestellten Leitungswasser mit Zucker, Zitrone und Strohhalm. Das gab’s zum Nulltarif. Ich war sozusagen die Punk-Mutter. Einer musste ja alles ein bisschen unter Kontrolle haben, damit sich das Chaos unbeschadet entfalten konnte.
Ist es gut, als Wirtin etwas Mütterliches zu haben?
Schon. Ich bin die Älteste von fünf Schwestern. Das prägt. Ich war fürsorglich, hatte beispielsweise auf Iggy Pop immer ein Auge. Als ich einmal privat im alten Dschungel am Winterfeldtplatz war, bemerkte ich, dass Iggy nicht vom Telefonieren zurückkam. In Schöneberg lief damals jemand rum, der einen Vierkantschlüssel hatte, um Telefonzellen zu verriegeln. Der hatte Iggy eingeschlossen. Ich habe ihm erst mal eine Zigarette durch den Türschlitz geschoben. Iggy war Stammgast im Shizzo. Spät nachts kamen oft die DJs und Gäste aus dem SO36 und anderen Clubs zu mir nach Friedenau.

Das waren noch Zeiten. Anne Wilke in den 80er Jahren auf dem Tresen der Berlin Bar.
Das waren noch Zeiten. Anne Wilke in den 80er Jahren auf dem Tresen der Berlin Bar.Foto: Ingrid Johnson

Punk und Friedenau, das klingt heute nach zwei Welten, genau wie Punk und Hula-Hoop.

Meine Gäste mit den bunten Haaren waren schon damals bei vielen Nachbarn nicht gerne gesehen. Auch deshalb wurde mein Pachtvertrag nach zwei Jahren nicht verlängert. Das Reifendrehen habe ich später im Harlekin in der Wartburgstraße gelernt, das heute Pinguin heißt. Das war im 50er-Jahre-Stil eingerichtet, da gabe es auch Hula-Hoop-Reifen. Wenn mich später in der Berlin Bar ein Song richtig packte, bin ich mit meinem Reifen auf die Theke gestiegen. Die Gäste in der ersten Reihe mussten die Köpfe einziehen.
Haben Sie als Wirtin gut verdient?
Aus dem Shizzo bin ich mit Schulden rausgegangen. In der Berlin Bar war nach fünf Jahren alles abgezahlt. Dann habe ich gut verdient. Doch ich war immer zu großzügig, habe zu viel harten Alkohol in die Longdrinks gemischt und zu viele Deckel zugelassen. Und ich habe meinen Gästen viel ausgegeben, aber das gehörte dazu. In einer Szenebar durfte man nicht knauserig sein.
Was bestimmte die Szene-Zugehörigkeit? Ein bestimmter Kleidungsstil?
Man kannte sich einfach. West-Berlin war überschaubar. Mein langjähriger Lebensgefährte war Teilhaber des Dschungels. Wenn dort Feierabend war, kamen manche der Gäste und des Personals auf einen Absacker zu mir. Noch heute kenne ich, wenn ich eine Bar besuche, oft einen Kellner oder den Wirt. Ich werde oft ein bisschen wie ein Ehrengast behandelt, das tut natürlich riesig gut.
Sie haben die Berlin Bar im Jahr 2000 geschlossen. Eine Enttäuschung?
Erst mal war ich einfach froh, dass ich morgens für meine Kinder selbst das Frühstück machen konnte. Mein Sohn war zehn, meine Tochter 14.
Hat Ihnen nichts gefehlt?
Doch. Ich musste ja nie ausgehen, um Freunde zu treffen. Sie kamen zu mir. Feste Verabredungen war ich kaum mehr gewohnt. Auf einmal saß ich zu Hause, und es kam keiner mehr. Logisch. War ja kein öffentlicher Ort mehr.
Wie ging es beruflich weiter? Sie sind Architektin.

Ich war zu lange raus aus dem Job. Erst mal musste ich zum Amtsarzt, der mich für die Gastronomie berufsunfähig schrieb. Ich hatte ständig Schmerzen im Arm. Vom Gläserpolieren. Was mir den Rest gab, war der Caipirinha. Dafür braucht man Crushed Ice. Ich hatte mir für 99 D-Mark eine Haushaltsmaschine gekauft, die man kurbeln musste. Meine Schwester hatte mich gewarnt: "Du machst dein Handgelenk kaputt." Mein damaliger Freund und ich haben dann unseren Betrieb für Pyrotechnik gegründet.
Viele aus Ihrer Generation machten das Nachtleben zu ihrem Lebensraum. Irgendwann leben sie doch wieder am Tag. Wie erklären Sie sich das?
Die Menschen meiner Generation gehen noch weg, allerdings nicht mehr so lange. Einige vertragen nicht mehr so viel, haben ihre Gesundheit vielleicht ein bisschen geschädigt. Das Gute für mich ist: Feuerwerke finden nachts statt. Ich kann meinen Rhythmus beibehalten.

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