Cochlea-Implantate : Auf Wiederhören

Manche Menschen werden nahezu taub geboren. Mit Hilfe von Cochlea-Implantaten können sie trotzdem ein fast normales Leben führen. Auch Kinder bekommen das Implantat.

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Eine junge Patientin mit Cochlea-Implantat.
Eine junge Patientin mit Cochlea-Implantat.Foto: dpa

Leonie Wagner (Name geändert) überlegt. Hält sich den Würfel ans linke Ohr, schüttelt. Es klackert. Oder klappert? Scheppert? Klimpert? Schwer zu sagen. Und zu hören. Vor allem, wenn man wie sie seit Geburt so gut wie taub ist. Wenn man technische Hilfsmittel braucht, um Geräusche wahrnehmen zu können. Und Hören erst mühsam lernen muss. „Geräusche-Memory“ könnte da vielleicht nicht das richtige Spiel für Leonie sein. Geht es doch darum, Paare zu finden, nur eben nicht Bilder, sondern Klänge. Trotzdem spielt die 14-Jährige genau dieses Spiel im Science Center Spectrum des Deutschen Technikmuseums Berlin. Hier kann man spielerisch Naturwissenschaft kennenlernen. Leonie liebt Musik, ist mit Begeisterung bei den Klangexperimenten dabei. Vielleicht, weil bei ihrer Geburt nicht klar war, ob sie jemals Musik würde hören können. Vielleicht auch, weil sie es der Technik verdankt, dass sie es heute kann.

Rückblende: Spätsommer 2011. Leonie, 10, sitzt im Neuköllner CIC. Das Cochlear Implant Centrum Berlin-Brandenburg ist ein ambulantes Reha-Zentrum für Kinder und Erwachsene, die elektronische Innenohrprothesen (Cochlea-Implantate) tragen. Ein Computer sagt: „Zeige das Bild: Wale.“ Leonie hört zu. Dann zeigt sie auf eines von vier Bildern auf dem Monitor: zwei Wale, die Wasser in die Luft sprühen. „Zeige das Bild: Male.“ Ohne Umschweife deutet sie auf das richtige Bild: eine Hand, die mit einem Pinsel eine blaue Linie zieht.

Bei diesen Hörmessungen, sogenannten Audiometrien, spielen Audiologen oder Hörtherapeuten ihren Patienten Töne, einzelne Wörter, ganze Sätze vor. Sie verändern die Lautstärke oder fügen Störgeräusche ein, um festzustellen, wie gut oder schlecht ihre Klienten hören. Die Ergebnisse fassen sie in einem Audiogramm zusammen. Eine Linie zeigt an, ab wie viel Dezibel Lautstärke der Patient die einzelnen Tonhöhen wahrnehmen kann, wie groß also sein Hörvermögen ist.

Cochlea-Implantate sind heute viel bekannter als früher. Und leichter zu bekommen.

Leonie war ein Jahr alt, als sie erstmals ins CIC kam. Die Linie befand sich ganz unten im Audiogramm. Sie nahm kaum Geräusche wahr. „Ein Flugzeug hätte neben ihr landen können“, sagt Silvia Zichner, die therapeutische Leiterin. Warum Leonie fast taub zur Welt kam, ist unklar. Vererbte Gendefekte? Infektionen mit Masern oder Röteln während der Schwangerschaft? Sauerstoffmangel während der Geburt? All das führt dazu, dass die Haarzellen im Innenohr absterben. Sie können dann die elektrischen Impulse, in die Schallwellen im Innenohr umgewandelt werden, nicht mehr an den Hörnerv weiterleiten. Die akustischen Signale kommen nicht im Gehirn an. Cochlea-Implantate gleichen das aus, indem sie die Funktion der Haarzellen übernehmen und den Hörnerv elektrisch stimulieren. Sie bestehen aus einem Sprachprozessor mit Sendespule, der hinter dem Ohr getragen wird, und einem Implantat mit Empfangsspule. An dem Empfänger befindet sich ein sieben Zentimeter langes Kabel mit kleinen Elektroden, das in die Hörschnecke – die Cochlea – eingeführt wird. Kommen vom Sprachprozessor kodierte Signale als elektrische Impulse im Implantat an, leiten die Elektroden des Kabels diese an den Hörnerv weiter. Früher bekamen vor allem taub geborene Kinder ein Cochlea-Implantat. Heute leiden auch immer mehr Erwachsene an starker Schwerhörigkeit und entscheiden sich deshalb für den Eingriff. „Cochlea-Implantate sind bekannter geworden“, sagt Silvia Zichner. „Und es ist leichter, sie zu bekommen.“ Krankenkassen hätten eingesehen, dass die Geräte zwar teuer seien – ein Prozessor kostet rund 10 000 Euro –, aber sehr sinnvoll.

Taub geborene Kinder können nach der Implantation nicht sofort hören. „Das müssen sie erst langsam lernen“, sagt Zichner – wie auch das Umwandeln neuer Geräusche in eigene Laute, in Sprache. Wird der Prozessor erstmals angeschaltet und sendet er erste Signale an die implantierte Empfangsspule, kommen diese nicht gleich als „Hören“ im Gehirn an. Das Hirn müsse sich vielmehr erst an die neuen Reize gewöhnen, sagt die Therapeutin. „Wenn kleine Kinder diese Eindrücke zum ersten Mal wahrnehmen, halten sie meist überrascht und interessiert inne“, sagt Zichner. „So, als würden sie sich fragen, wo die auf einmal herkommen.“

Neun Jahre später, im Spätsommer 2011, fragt sich Leonie das nicht mehr. Die Hörkurve verläuft wie ein Börsenkurs in wirtschaftlich guten Zeiten: am oberen Rand des Audiogramms. Sie konnte feine Lautunterschiede wie „Wale“ und „Male“ erkennen, leise geführten Gesprächen folgen. Nur bei starken Störgeräuschen, wenn etwa viele Leute wild durcheinanderreden, hatte sie noch Schwierigkeiten. Daran erinnert, schüttelt Leonie jetzt, 2015, den Kopf. Die heute 14-Jährige hat keine Probleme mehr, etwas zu verstehen.“ Im vergangenen Jahr hat sie neue Prozessoren bekommen. Um 30 Prozent hat sich ihr Gehör noch einmal verbessert.

Also alles gut? Nicht ganz. Zum Teil haben Menschen immer noch Probleme mit Leonie. Mit den großen, blauen Geräten, die sie hinter beiden Ohren trägt. Mit den OP-Narben. Mit ihren Implantaten. Vor allem in der Schule war es schlimm: Klassenkameraden hänselten sie, sprachen extra leise. Lehrer waren überfordert, konnten nicht damit umgehen, dass für das Mädchen etwas so Selbstverständliches wie Hören anstrengend sein konnte, dass es öfter eine Pause brauchte als andere Kinder. Zweimal hat Leonie deswegen schon die Schule gewechselt. Die achte Klasse, die sie jetzt besucht, ist an einer Schule für Schwerhörige: der Margarethe-von-Witzleben- Schule in Friedrichshain. Zwei Mitschüler tragen ebenfalls Cochlea-Implantate. Hier muss sie sich nicht verstellen, hat Freunde gefunden. Denn hier verstehen sowohl die Lehrer als auch die Klassenkameraden, dass Hören eben nicht immer selbstverständlich ist. Dass es anstrengend sein kann. Und dass es trotzdem Spaß macht. Genauso wie Musik – oder eben „Geräusche-Memory“.

Die komplette Reportage inkl. Video auf dem Gesundheitsportal des Tagesspiegels: www.gesundheitsberater-berlin.de

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