Berlin : Comics im Osten: Mit Fix und Fax gegen den Klassenfeind

Henning Kraudzun

Was mit "Klein Gretl hilft" in der Sowjetischen Besatzungszone eingesetzt hatte, gelangte wenige Jahre später zur politisch motivierten Serienreife: DDR-Comics wurden schon früh im Sinne des Erziehungsauftrags der SED eingesetzt. Nur so konnte ein amerikanisch vorbelastetes Medium, das unter den Machthabern eigentlich keiner so richtig wollte, bis zum Ende der DDR durchhalten. Die letzten Seiten der propagandagefärbten Kinderzeitschriften nahmen auch unpolitische Comicfiguren wie die Mäuse "Fix und Fax" auf, die unter den Lesern sehr beliebt waren. Weiter vorne oder gar auf der Titelseite entdeckten jedoch wachsame Pioniere gerade den im Geheimen agierenden Saboteur und spürten Republikflüchtlinge auf. Aus den Kindern mit dem blauen oder roten Tuch sollten ja später Kämpfer für den Sozialismus werden. Deshalb widmete die Zeitschrift "Frösi" in frühen Jahren dem Basteln von Kriegsspielzeug ganze Seiten: "Wir bauen einen Panzer" ist eine exakte Do-it-yourself-Anleitung für den hölzernen Kampfwagen. Darunter druckte man als didaktische Ergänzung die Geschichte des Kriegsgeräts ab - ausgehend von den Streitwagen Alexanders des Großen bis zu verschiedenen Panzertypen sowjetischer Bauart.

"Keiner zu klein, ein Kämpfer zu sein." - dieser Slogan Erich Honeckers, den er ab 1949 dem neugegründeten "Verband der Jungen Pioniere" einimpfte, dient auch gleichzeitig als Motto der derzeitigen Ausstellung in der Galerie im Saalbau. Es ist ein Aufruf zum Kampf gegen den Klassenfeind, der auch in vielen der gezeigten Comicstrips eingeschrieben ist. Die Einflussnahme der Politik auf die Comics war in der DDR groß: "Tagespolitische Ereignisse fanden dort oft Widerhall", sagt der Lankwitzer Comic- Sammler Carsten Laqua. Er hat zusammen mit dem (Ost-)Berliner Historiker und Experten für die bunten Bildergeschichten, Michael F. Scholz, die Ausstellung konzipiert.

Laqua lernte die meisten Comics erst nach dem Fall der Mauer kennen. "Im Westen wurden die Ost-Comics kaum beachtet. Wenn überhaupt, dann nur in Sammlerkreisen", sagt er. Und dass, obwohl die Abenteuer der "Digedags" und "Abrafaxe" nicht gerade die schlechtesten Comics waren. Das "Mosaik" von Johannes Hegenbarth alias Hannes Hegen blieb ohnehin die angenehme Ausnahme unter den DDR-Comics und konnte zumindest in den ersten Jahren ungestört arbeiten. "Doch zwei Jahre nach der Gründung wurde dem Zeichner ein verantwortlicher Redakteur vor die Nase gesetzt", sagt Scholz. Danach erschien in jedem zehnten Heft eine politisierte Beilage. Angefangene Geschichten sollte Hegen zudem von heute auf morgen beenden. So mussten die "Digedags" plötzlich wie die sowjetischen Sputniks ins All aufbrechen. "Aber Hannes Hegen wollte derartige dogmatische Spielereien nicht mitmachen - er stellte sich immer dumm", erzählt Scholz. Als der Druck in den Folgejahren jedoch wuchs, gab er auf. Im Juli 1975 stellte er sein Heft ein und machte den Weg für die "Abrafaxe" frei.

Die kämpferische Zeit der ersten Jahre beruhigte sich mit der Stabilität der DDR. Unter Honecker wurde eine bunte Welt der Zeichenfiguren geduldet, wenn sie sich stillschweigend in die politischen Rahmenbedingungen einfügte. Zeitschriften für Kinder und Jugendliche, wie "Atze" und "Frösi", regten in der Folgezeit dann verstärkt zum Stromsparen an ("Teufel Wattfraß") oder ließen "Korbine Früchtchen" zur Erntehilfe aufrufen. Der Elefant "Emmi" hingegen posaunte Kinder aus der Nachbarschaft zum Altpapier-Sammeln herbei. In den Heften verblieben dennoch ideologisch aufgesetzte Geschichten. Allzu flache Propagandahefte, wie das "Neue Bilderheft für Jungen und Mädchen", mussten indes spätestens in den 60er Jahren aufgeben. "Die Nachfrage war so schlecht, dass man sie ziemlich schnell absetzte", sagt Scholz. Ein politischer Erziehungsauftrag kam bei den jungen Lesern offenbar nicht an. Dann sollten zumindest "praktische und sinnvolle" Lebensvorgaben enthalten sein.

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