Berlin : Concorde-Absturz: Ermittlungen gegen Anwalt

kf

Zwei Wochen nach dem Concorde-Absturz beschäftigt sich nun die Berliner Rechtsanwaltskammer mit dem Unglück. Sie ermittelt wegen verbotener Mandantenwerbung gegen einen Anwalt, der Hinterbliebene der Opfer angeschrieben haben soll. "Bei uns sind deshalb zwei Beschwerden eingegangen", sagte Kammer-Präsident Kay-Thomas Pohl gestern. Nach deutschem Recht dürfen Anwälte nicht von sich aus gezielt auf potenzielle Mandanten zugehen.

Einer der Beschwerdeführer ist die Hilfsorganisation "Echo", die sich um Opfer von Flugzeugkatastrophen kümmert. "Das Verhalten der Kanzlei ist makaber und pietätlos", sagt Vereinspräsident Claus Weisner. Er wirft einem Berliner Rechtsanwalt vor, den Hinterbliebenen seine Dienste angeboten und den Schreiben eine Vollmachtserklärung beigelegt zu haben.

Mit diesem Geschäftsgebaren, sagt Weisner, habe der Jurist die Gefühle der Angehörigen mit Füßen getreten: "Stellen Sie sich vor, dass die Hinterbliebenen soeben von der Identifizierung der Leichen zurückgekehrt sind und dann solche Schreiben vorfinden müssen". Der Verein "Echo - Experimence can help others" war 1996 nach dem Birgenair-Absturz von Angehörigen gegründet worden. Nach Angaben von "Echo" haben sich jetzt auch Hinterbliebene von Opfern des Concorde-Unglücks mit der Bitte um Unterstützung an den Verein gewandt.

Bewiesen sind die Vorwürfe des Vereins bislang nicht. Als "völlig abstrus" weist die gemahnte Kanzlei die Kritik zurück. "Wir haben mit den Schreiben erst auf Anfragen der Angehörigen reagiert." Der Kanzlei gehe es darum, den Schmerz der Hinterbliebenen zu lindern. Um möglichst hohe Schadensersatzforderungen durchsetzen zu können, wollen die Anwälte mit der New Yorker Kanzlei Thatcher / Proffitt / Wood zusammenarbeiten. Die Berliner Kanzlei erwägt, gegen die Behauptungen von "Echo" juristisch vorzugehen.

Wenn es den amerikanischen Anwälten gelingen sollte, die Schadensersatz-Verhandlungen vor ein Gericht der Vereinigten Staaten zu bekommen, könnte im Falle des Concorde-Unglücks um eine Milliarden-Forderung gestritten werden. Die Chancen stehen derzeit nicht schlecht, denn die Reifen der verunglückten Maschine stammen vom US-Hersteller Goodyear. Ein geplatzter Reifen gilt bisher als Auslöser des Unglücks. "Echo" empfiehlt den Hinterblieben allerdings, nichts zu überstürzen. Ein deutscher Anwalt solle sich erst um die Erbschaftsfragen kümmern. Zwei Jahre blieben Zeit, ihn einen Experten für Flugrecht suchen zu lassen. "Bevor der abschließende Untersuchungsbericht nicht vorliegt, kann man eh nichts machen", sagt Weisner.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben