Berlin : Conrad und die Detektive

Wie ein 13-Jähriger einem Ladendieb auf der Spur blieb – und der Polizei bei der Festnahme half

Jörn Hasselmann

Dieser Emil hieß Conrad und brauchte keine Detektive. Der 13-jährige „Zivilfahnder“ brachte ganz alleine einen Dieb zur Strecke, heute bekommt der Wilmersdorfer Schüler von der Polizei eine Urkunde und einen Gutschein für eine Fahrt mit einem Polizeiboot. Einiges an Conrads Geschichte erinnert an den berühmten Roman von Erich Kästner, in dem der Musterschüler Emil Tischbein mit seinen Freunden einen Dieb durch Berlin verfolgt. Doch Emils Problem hatte Conrad nicht: Wie verständige ich die Polizei? Dafür gibt es heute Telefone für die Tasche, anders als Emil Tischbein vor 75 Jahren hatte Conrad ein Handy dabei.

Conrad spielte mit zwei Freunden vor der Schlecker-Drogerie an der Badenschen Straße, als gegen 19 Uhr ein Mann aus dem Laden stürzte – und eine Angestellte hinterher. Die Frau gab die Verfolgung schnell auf, Conrad rief: „Soll ich ihn verfolgen?“ Obwohl die Schlecker-Kassiererin antwortete, „nein, das ist zu gefährlich“, folgte Conrad dem Unbekannten – allein, denn seine Freunde trauten sich nicht. Zunächst flüchtete der Mann regelrecht, spazierte dann aber ganz gemütlich Richtung U-Bahnhof Berliner Straße. Dort, an der Ecke Bundesallee, verschwand der Unbekannte in den Untergrund. Erich Kästner hatte seinen Roman-Emil an der nur 100 Meter entfernten Ecke Trautenaustraße den Dieb, „Herrn Grundeis“, verfolgen lassen, nur dass die Bundesallee damals, 1929, Kaiserallee hieß.

Conrad stand also mit dem Unbekannten auf dem Bahnsteig, als dieser in einen Zug Richtung Spandau stieg, nahm Conrad den nächsten Waggon. Ein telefonierender Junge in der U-Bahn fällt schließlich nicht auf. Doch der Sechstklässler telefonierte mit der „110“ der Polizei. „Immer viel Abstand halten“, ermahnte ihn die Polizei. Das machte auch Sinn, „denn der hatte ein Messer am Gürtel, das hatte man beim Laufen gesehen“, berichtete der kleine Detektiv gestern dem Tagesspiegel. Ohne Probleme stieg Conrad an der Bismarckstraße mit dem Mann von der U 7 in die U 2 um. Conrad hinterher. Immer wieder gab er über Telefon die Position in die Notrufzentrale der Polizei durch. Kaiserdamm stieg der Verdächtige aus, Conrad hinterher. In der Fredericiastraße merkte der Verfolgte dann was, denn er begann, immer im Kreis um ein Gebüsch zu laufen – Conrad hinterher. Dort telefonierte Conrad ein letztes Mal mit der Polizei, die schickte zwei Funkstreifen in die Charlottenburger Seitenstraße. Die Beamten erkannten Conrad am Straßenrand, der Schüler musste nur noch auf den Mann zeigen: „Der da ist es.“ Die Profis in Uniform ließen die Handschellen klicken – und bedankten sich gestern bei dem Kind: „Der Junge wies die Beamten ruhig und sachlich in die Lage ein und so gelang die Festnahme des Tatverdächtigen.“ Heute wird Conrad Z. persönlich vom stellvertretenden Leiter der Polizeidirektion 2, Hans-Ulrich Hauck, für sein „cleveres und umsichtiges Verhalten“ geehrt. Conrad war so ruhig, dass er während der Verfolgung nicht nur zehnmal mit der Polizei, sondern auch mit seinen beiden Freuden telefonierte, die vor Schlecker stehen geblieben waren: Die waren schließlich neugierig.

Die Kosmetika, die der 25 Jahre alte Vietnamese in der Drogerie gestohlen hatte, fand die Polizei nicht mehr; Conrad vermutet, dass er sich der Ware in der U-Bahn entledigt hatte. Trotz der krimireifen Verfolgung, Polizist will der Junge nicht werden: „Fußballer oder Arzt.“

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