Berlin : Cooler Tempelhofer gegen hitzigen Spandauer

Kampfkandidatur um den SPD-Fraktionsvorsitz

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Foto: Mike Wolff
Foto: Mike Wolff

Um die Nachfolge des SPD-Fraktionschefs Michael Müller, der in den Senat wechselt, wird es am 29. November eine Kampfabstimmung geben. Es treten an: Der Spandauer Kreisvorsitzende Raed Saleh (34) und der Vize-Kreischef in Tempelhof-Schöneberg, Frank Zimmermann (54). Zwei Bewerber mit sehr unterschiedlichen Charakteren – wie Feuer und Eis. Der kühle Zimmermann aus dem hohen Norden, geboren in Kiel. Und der temperamentvolle Saleh, der aus dem west-jordanischen Sabastia stammt.

Beide Kandidaten eint, dass sie zum linken Parteiflügel gehören. Sowohl Zimmermann wie auch Saleh hoffen bei der Wahl in der Abgeordnetenhausfraktion auf eine Mehrheit. Es ist ein offenes Rennen, mit leichtem Vorteil für Saleh. Die linke Mehrheit in der SPD-Fraktion verteilt die Sympathien gleichmäßig auf beide Bewerber. Am Ende könnten die wenigen Genossen, die zur rechten Parteiströmung gehören, den Ausschlag geben. Zurzeit werden intensive Gespräche geführt, um ein Personalpaket für den gesamten Fraktionsvorstand zu schnüren.

Auch davon hängt einiges ab: Werden Linke und Rechte, West und Ost, Frauen und Männer, Echt-Deutsche und Migranten ausgewogen berücksichtigt? Ganz zu schweigen von den Kreisverbänden der Partei, die entsprechend ihrer Mitgliederzahlen und Wahlerfolge angemessen repräsentiert sein wollen. Das ist übrigens ein Manko für Frank Zimmermann. Denn er ist im Ortsverband Mariendorf verankert, spielt dort auch Fußball beim MSV 06 in der Ü-50-Mannschaft, wenn es die Zeit erlaubt. Tiefstes Tempelhof. Aber auch die designierten Senatsmitglieder Müller und Dilek Kolat sind in dieser Stadtregion politisch verwurzelt, der Regierungschef Klaus Wowereit ist gebürtiger Tempelhofer. Ein bisschen zu viel des Guten, sagen manche Genossen.

Und: Zimmermann ist keine Frau, sagen Genossinnen, die das eigene Geschlecht in Partei, Fraktion und Regierung unterrepräsentiert sehen. Aber diesen Nachteil, ein Mannsbild zu sein, hat auch der Konkurrent – und ansonsten ist Zimmermann im SPD-Landesverband wohlgelitten. Der Volljurist arbeitete nach dem Studium drei Jahre in Hamburg, wechselte dann als wissenschaftlicher Referent ins Berliner Abgeordnetenhaus, wurde Sprecher der Finanzverwaltung und anschließend des SPD-Landesverbandes. 2001 wurde er Abgeordneter und kümmert sich seitdem um die Europa-, Bundes- und Medienpolitik. Einen Namen machte er sich als Vorsitzender des Untersuchungsausschusses zum Berliner Bankenskandal.

Er ist ein ruhiger Vertreter, wägt die Worte ab, sagt meistens vernünftige Sachen und drängelt sich nie vor. Ein Moderator und Integrator. Für leitende Funktionen bis hin zum Staatssekretär war er schon im Gespräch. Aber – „Glück ist Selbstgenügsamkeit“, hat Aristoteles gesagt. Das passt auf Zimmermann. Deshalb gilt er in der SPD nicht als ideale Führungsfigur, auch wenn ihm das Amt des Fraktionsvorsitzenden durchaus zugetraut wird.

Ganz anders der junge Raed Saleh, der im Spandauer Kerngebiet – Altstadt, Neustadt, Falkenhagener Feld – mit heißem Herzen Integrations- und Sozialpolitik betreibt. Das sechste von neun Kindern, aufgewachsen in Palästina, da lernt man es, sich durchzusetzen. Saleh hat das Jugendprojekt „Stark ohne Gewalt“ mitgegründet, ein rühriger Kommunalpolitiker, der innerparteilich fleißig Netzwerke strickt und seinen SPD-Kreisverband fest im Griff hat. Ein Kommunikator und Polarisierer. Den meisten Menschen freundlich zugewandt, wenn sie nicht gerade Thilo Sarrazin heißen. Einige Parteifreunde sagen, Saleh sei ein feiner Kerl, solle aber mit dem Fraktionsvorsitz noch fünf Jahre warten. Ulrich Zawatka-Gerlach

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