• Cora Frost reiste durch Sibirien und studierte das östliche Timbre. Jetzt kommt sie mit einem Odessa-Abend wieder

Berlin : Cora Frost reiste durch Sibirien und studierte das östliche Timbre. Jetzt kommt sie mit einem Odessa-Abend wieder

Amory Burchard

Odessa ist überall, sagt Cora Frost: Ein Ort, den die erfunden haben, die einst dort lebten. Sie verklären die Schwarzmeerstadt in ihrer Erinnerung. So wird der "Mythos Odessa" immer weiter leben. Die Berliner Sängerin weiß, wovon sie spricht. Sie hat im Auftrag der Jüdischen Kulturtage das Programm "Gobstop - ein Odessa-Gangsterlieder-Abend" einstudiert. Heute ist in der "Kalkscheune" Premiere. Als untreue und verräterrische Gangsterbraut "Murka" steht Cora Frost in Lederjacke, Minirock, knielangen Stiefeln und einer atemberaubenden blonden Perücke auf der Bühne. "Alle russischen Sängerinnen sind blond und haben riesige Haarschleifen", sagt die sonst eher brünette Diseuse und zupft kokett an dem rüschigen Gebilde, das ihre neuen Locken bändigt. Vor einigen Monaten hat sie die Tanzcompagnie von Sasha Waltz bei einer Tournee durch Sibirien und nach Moskau begleitet. Dort guckte sie sich Stil und Timbre ihrer östlichen Kolleginnen ab.

Beim Abschlusskonzert der Jüdischen Kulturtage im Haus der Kulturen der Welt, bei dem Cora Frost schon eine Kostprobe ihres neuen Programmes abgab, kam die Parodie gut an. Hier stammte allerdings auch ein großer Teil des Publikums wenn nicht aus Odessa, so doch aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Sowjetreiches.

Den Reaktionen des durchweg jüngeren und westlichen Kalkscheunen-Publikums sieht Cora Frost nach zwei Jahren Solo-Pause mit Lampenfieber entgegen. Ihre Begleitband und das übrige Bühnenpersonal suchte und fand sie in der einschlägig bekannten Berliner Szene: Die Klezmer-Band "Die Rosentals" untermalen Lieder wie "Auf dem Wege nach Odessa" oder "Odessa, die Stadt, wo ich wohnte". Das eher herbe Organ der Sängerin zu trillernder Klarinette und sanft gestrichener Akustikgitarre - das klingt gut zusammen. Ihre kriminellen Kollegen holte sich Gangsterbraut "Murka" quasi von der Straße: Schauspieler des Obdachlosen-Theaters "Die Ratten" spielen Szenen aus Isaak Babels "Geschichten aus Odessa".

Für Figuren wie den Bräutigam, der die Schwester des Gangsters Benja Brik heiraten muss, oder die Eintänzerinnen im Banditen-Puff engagierte Cora Frost bekannte Originale aus der Berliner Kleinkunstszene. Wie Cora Frost, Wahlberlinerin aus München, sich in die Welt der russischen Juden von Odessa einfühlte, ist eine Geschichte für sich. Bereitwillig gibt sie sie preis. Ihre erste Begegnung mit Odessa sei eine erotische gewesen. Boris, ein guter Freund, machte ihr plötzlich "einen bizarren erotischen Antrag". Frau Frost musste ihn ablehnen, aber es folgten "tolle Gespräche, um das alles zu verarbeiten ..." Es stellte sich heraus, dass Boris eine große Plattensammlung mit Gangsterliedern aus Odessa hatte und sie auch selber singen konnte.

So kam er, verkleidet als trällernde "Murka", doch noch in das Bett der kühlen Cora. Diese Lieder hat sie nun übersetzt - mit Hilfe eines anderen Russen. Der sprachkundige Sergej brachte der Sängerin auch ein paar Zeilen und sogar ein ganzes Lied auf Russisch bei. Außerdem fragte sie ihn nach Liebesliedern. Fehlanzeige: "Die Lieder aus Odessa handeln von Verrat und Mord oder bestenfalls von einer Liebe, die man früher hatte", sagt Cora Frost.

Schließlich wurde sie doch noch fündig, und kann nun von einer Romanze auf einem Schwarzmeer-Schiff singen: "Auf dem Wege nach Odessa übers Schwarze Meer sah ich ihn für ein paar Stunden und dann nimmermehr." Der Angebetete ist erster Offizier und blinzelt auf Deck einer unbekannten Schönen zu. "Was später kam, war wunderbar", singt Cora Frost mit vibrierender Stimme. Dazu seufzt die Klarinette und der Gitarrist streift sanft die Saiten - diese Musik ist wie eine warme Brise an der Promenade von Odessa.

Termine des Odessaer Gangsterlieder-Abends in der Kalkscheune, Johannisstraße 2 (Mitte): 24., 26. und 27. November; 1., 2. und 3. Dezember, jeweils 20.30 Uhr. Kartenbestellung und Vorverkauf unter Telefon: 28 39 00 65. Anfang Januar wird das Programm in der Bar Jeder Vernunft fortgesetzt.

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