Cybermobbing : Schlichtung und Wahrheit

Auf Isharegossip wird gemobbt, gedroht und gegen Ausländer gehetzt. An manchen Schulen aber setzt man sich auch zur Wehr.

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Eine Frage der Klasse. Während in manchen Foren der umstrittenen Internetseite übel gemobbt wird, herrscht in anderen ein eher sachlicher Ton. Manche Schüler eilen ihren Klassenkameraden online zu Hilfe und machen hämische Beiträge unauffindbar. Foto: dpa
Eine Frage der Klasse. Während in manchen Foren der umstrittenen Internetseite übel gemobbt wird, herrscht in anderen ein eher...Foto: dpa

Die Lästerattacken auf isharegossip.com schaden nicht bloß den Mobbingopfern, sondern Berlins Schülern und Schulen generell. Wer die vielen Berichte im Fernsehen und in den Zeitungen sieht, bekommt den Eindruck, die Schüler der Stadt seien ausnahmslos aggressiv und asozial. Ist das so? Eine Spurensuche.

DIE HETZER

Sie drohen Mitschülern Gewalt an, beschimpfen sich gegenseitig als „Schwuchteln“, „Schlampen“, „Missgeburten“ und „Fettärsche“. Auf den Isharegossip-Unterseiten dutzender Berliner Schulen findet sich übelste Hetze. Weil auch Schulfremde an die Seiten herankommen, bleiben die Urheber unbekannt. Besonders betroffen sind die meisten Kreuzberger Oberschulen. Im Forum eines Gymnasiums findet sich aktuell sogar eine Todesdrohung („du wirst sterben“). Genauso vergiftet ist der Umgangston an den meisten Neuköllner Schulen einschließlich der Rütli-Schule. Gemobbt wird aber längst nicht nur an bekannten Problemschulen: Ungewöhnlich rege und böse kommentieren etwa ausgerechnet die Schüler des anerkannten katholischen Canisius-Kollegs: Mitschüler werden sexuell beleidigt, anderen wird Aids angedichtet. Auch in der deutsch-amerikanischen John-F.-Kennedy-Schule in Zehlendorf, die mit 43 Einser-Schnitten im vergangenen Jahr Berlins Top-Abiturjahrgang stellte, finden sich massenweise Beleidigungen und Drohungen in drastischer Sprache.

DIE GEMÄSSIGTEN

An vielen Steglitzer Schulen wird zwar ebenfalls feige gelästert, in der Wortwahl aber deutlich gemäßigt. Klassenkameraden werden dort eher als „eingebildet“ oder „Vollpfosten“ beschrieben. Bemerkenswert ist das Kommentierverhalten der Schüler an der Kopernikus-Oberschule: Hier wurde zunächst wochenlang gehetzt. Seit ein Unbekannter in dem Forum erklärte, er habe einen Anwalt sowie die Staatsanwaltschaft eingeschaltet und lasse künftig alle negativen Beiträge am Bildschirm abfotografieren, um dann Schulverweise zu erwirken, änderte sich der Umgangston ins Positive. Jetzt wird vor allem darüber getuschelt, wer das Traumpaar der Schule ist.

DIE WEHRHAFTEN

Aus Solidarität mit gemobbten Klassenkameraden haben sich Schüler des Pankower Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums massiv und sehr erfolgreich gewehrt: Sie überfluteten Isharegossip mit sinnlosen Blindtexten, Boykott-Aufrufen und Wikipedia-Einträgen über Ponyzucht in Island. Das zeigte schnell Wirkung. Aktuell gibt es keine negativen Beiträge mehr, die Lästerer haben offenbar das Interesse verloren, weil sie klar in der Minderheit sind. Auch Schüler der Fritz-Karsen- Schule in Britz wurden aktiv, veröffentlichten haufenweise Bauernregeln und harmlose Kinderlied-Texte, Schmähbeiträge wurden so zeitweise verdeckt. Die Freie Waldorfschule in Mitte versucht dasselbe mit Gesetzestexten: Die erklären, was üble Nachrede bedeutet und welche Strafen drohen.

DIE DESINTERESSIERTEN

Im Forum der Freien Evangelischen Schule in Prenzlauer Berg finden sich bislang überhaupt keine Einträge. In dem der Schule an der Victoriastadt in Rummelsburg steht bloß eine einzige kritische Bemerkung – und die richtet sich nicht gegen Jugendliche, sondern gegen die Betreiber der Mobbingseite. Komplettes Desinteresse am Beschimpfen herrscht auch im Forum des Katholischen Schulzentrum Edith Stein in Prenzlauer Berg: Hier wird lediglich einem Mitschüler zum Geburtstag gratuliert. Ein anonymer Kommentator fragt: „Warum lästert hier keiner?“ Ein anderer antwortet: „Weil auf der Schule niveauvolle Menschen sind!“

DIE RASSISTEN

Schlimmste Kommentare finden sich im Forum einer Hermsdorfer Schule. Auf diese geht die Freundin des 17-Jährigen, der von 20 Jugendlichen mit Migrationshintergrund bewusstlos geprügelt wurde. Nun fordern Unbekannte, „Drecks-Türken“ abzuschieben, andere wollen „Untermenschen vergasen“. Erschreckend: Die Mehrheit der Besucher unterstützt die Ansichten. Sehr wahrscheinlich hetzen hier Schulfremde mit.

DIE ÄLTEREN

Neben Schülern sind auch Studierende aufgerufen, Gerüchte zu verbreiten. Die Reaktionen sind dürftig. Im Forum der Humboldt-Universität machen sich Besucher bloß über zu Guttenbergs Doktorarbeit lustig. Bei der Technischen Universität will jemand über Sex auf dem Uniklo diskutieren. Niemanden interessiert’s. Lästerflaute herrscht auch im Forum über Berlins Dönerbuden.

DIE REFLEKTIERTEN

In einem Spezialforum machen sich die Schüler Gedanken über die Gefahren der Seite. Hier liest man erstaunlich Gehaltvolles. Zum Beispiel, dass ein Verbot von Isharegossip zwar sinnvoll sei, aber auch Befürwortern von Internet-Zensur Argumente liefere, etwa in der Debatte um Wikileaks. Einem anderen fällt auf, dass die Berliner Schüler auf der Seite im Bundesdurchschnitt überpräsent sind: „Warum betreffen die meisten Beiträge Berliner Schulen? Ist Euch das nicht peinlich?“

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