• DA BEWEGT SICH WAS 18 Jahre nach der Wende: Wie Berlins Ostbezirke sich verändern – Heute: Weißensee (10): Nette Nachbarn

DA BEWEGT SICH WAS 18 Jahre nach der Wende: Wie Berlins Ostbezirke sich verändern – Heute: Weißensee (10) : Nette Nachbarn

Weißensee wird die kleine Alternative zu Prenzlauer Berg. Ein Boxtrainer hält dem Stadtteil sportlich die Treue, eine Grafikerin entwickelt familiäre Gefühle

River Tucker

Boxen ist sein Leben. Boxen war ihm erst mal wichtiger als die Maueröffnung. Am 10. November 1989 hielt Rainer Kühn sein Training in Weißensee und fuhr danach erst mit einem Kumpel nach Wedding, um einen Sportsfreund zu besuchen. Der hatte 1988 noch „rübergemacht“.

Die alte Sporthalle am Weißen See: Hinten im Trainingsraum üben Kinder erste Boxschritte, später kommen die Erwachsenen zum Training. Die Hälfte seines Lebens hat der 55-Jährige in dieser Halle und mit seinem Sport verbracht, 37 Jahre beim SV Blau Gelb – die Hälfte zu DDR-Zeiten, die Hälfte nach dem Mauerfall. 40 Stunden die Woche gehen für den Beruf drauf – er betreut Hauswarte für einen Dienstleister – , dreimal die Woche ist das Training dran. Abends bis 20, 21 Uhr. Dann noch die Fahrten zu den Wettkämpfen. Kühn tut was für junge Leute. Die kommen zu ihm nicht nur aus Weißensee, sondern auch aus den angrenzenden Ost- und Westbezirken. Denn Boxen, sagt der Trainer, sei was für Körper und Geist. „Für Jugendliche heißt das, sie werden fürs Leben geschult. Sie bekommen Selbstvertrauen in die eigene Leistung, lernen sich zu konzentrieren, den Gegner nicht zu unterschätzen.“

Es steht es nicht gut um das Training in Weißensee. Der Halle wegen. „Wir müssen immer damit rechnen, dass wir morgen zumachen müssen.“ Der Bezirk investiert nicht in die Gebäudesanierung. Das größte Problem ist die Heizungsanlage. Sobald die ausfällt, ist Schluss für die Boxer, Gewichtheber und Kegler, die hier trainieren. Dabei hat die Abteilung Boxen mit 115 Mitgliedern so viele wie noch nie. Das Aus würde den Trainer schwer treffen. „Ich verdränge den Gedanken eben ein bisschen“, sagt er.

Für Rainer Kühn, in Prenzlauer Berg geboren, mittlerweile Einwohner von Mahlsdorf, ist Weißensee sportlicher Lebensmittelpunkt. In einen anderen Bezirk zu wechseln, kommt trotz einiger Angebote nicht in die Tüte. Er ist der Dienstälteste im Verein. „Man hat sich ja auch was aufgebaut.“ Er hat erlebt, wie sich der Altbezirk mit den Jahren veränderte: Noch in den Siebzigern ein Vorort, ein Dorf. Da gab es Landwirtschaft, Viehstallungen direkt an der Berliner Allee. Dann, in den Achtzigern, begann das Dorf sich langsam zu entwickeln, nach der Wende rasant. Vergammelte Gründerzeithäuser wurden saniert, Baulücken geschlossen. Weißensee wurde urban. Rainer Kühn gefällt das. „Es ist alles schöner geworden. Ich mag den Park, den See, es gibt nette Cafés und Restaurants. Hier ist man im Grünen und doch schnell in der City.“

Weißensee behagt ihm heute, die sportliche Gegenwart auch. In der DDR stieß er schnell auch an die Grenzen der Möglichkeiten. Dass Kinder vom Training ausgeschlossen wurden, sobald ein Verwandter ersten Grades im Westen wohnte, erlebte er. Die Entscheidung musste er als Trainer den Eltern erklären. So, sagt er, habe das System auch seine eigene Boxkarriere beendet. Mit zwölf hatte Rainer Kühn mit dem Boxen angefangen, als Einziger aus seiner Klasse blieb er dabei. Der Traum vom Leistungssport war dahin, als seine Schwester einen Ausreiseantrag stellte. „Mir wurde gesagt, es stimmt was nicht mit meiner Beinarbeit. Das habe ich geglaubt. Damals war man ja naiv.“ Dem Boxen blieb er treu, der Kampf im Ring entschädigte für vieles, politisch hat er ihn nie aufgenommen. Er arrangierte sich mit den Verhältnissen. „Ich habe geschimpft, aber irgendwie ja auch mitgewirkt.“

Seit dem Anfang der Neunziger hat er ein neues Feld: Rainer Kühn förderte die erste Frau in seinem Verein. Jeannette Witte wurde später Profiboxerin. Das war noch vor Regina Halmich, Frauen im Ring waren bis 1994 offiziell verboten. Heute ist Kühn der „Frauenbeauftragte“ des Berliner Boxsports, trainiert die weibliche Landesleistungsauswahl. Ressentiments lässt er nicht gelten. „Ich verstehe die Argumente nicht, die gegen Frauen im Ring sprechen.“ Wäre ja noch schöner, sagt er. „ Ich weise doch niemanden ab, der boxen will.“ River Tucker

Als Hanna Hennenkemper Weißensee das erste Mal sah, war nicht absehbar, dass sie jemals dorthin ziehen würde. „Das war alles so eng, so überhaupt nicht Berlin. Als junger Mensch will man doch in die Großstadt!“ 2001 begann sie ihr Studium an der Kunsthochschule in Weißensee, zog erst mal nach Friedrichshain, dann nach Prenzlauer Berg, dann nach Schöneberg. Entwickelte berlintypisches Verhalten: In drei Jahren wechselte sie achtmal den Bezirk. Konstant blieb ihr Weg zur Kunsthochschule in Weißensee. Geändert hat sich ihre Meinung. „Früher dachte ich, Weißensee sei Provinz. Aber hier gibt es sogar den fantastischen Jazzclub Peter Edel.“

Als Hanna Hennenkemper vor vier Jahren schwanger wurde, suchte sie mit ihrem Mann, einem Bildhauer, den sie an der Kunsthochschule kennengelernt hatte, eine größere Wohnung. Zunächst waren es die günstigen Mieten und die Nähe zur Kunsthochschule, die beide nach Weißensee lockten. Aber für ihre Arbeit als Druckgrafikerin braucht Hanna Hennenkemper eine für sie unerschwingliche Druckpresse. Die bot die Hochschule. Erst hatte sie einen Lehrauftrag, jetzt nutzt sie die Druckpresse als Gaststudentin. Ihr Professor hatte sie noch zu Studienbeginn vor der Druckgrafik, die als brotlose Kunst unter den bildenden Künsten gilt, gewarnt und ihr die Malerei ans Herz gelegt. „Aber ich bin überzeugt, dass es immer einen Weg gibt, wenn man nur macht, was einem Spaß bringt.“ Den findet sie, auch wenn das Einkommen überschaubar und unregelmäßig ist. Ihre Druckgrafiken präsentiert sie etwa in einer Galerie in Mitte. Zusammen mit ehemaligen Kommilitonen stellt sie in einer Künstlergruppe aus, im Moment hat sie noch einen Lehrauftrag in Halle.

Weißensee hat Hanna Hennenkemper erst mit der Zeit für sich entdeckt. Als Sohn Johann in den Kindergarten kam, zeigte sich, wie entspannt die Situation im Vergleich zum Kleinfamilienbezirk Prenzlauer Berg ist. Hier gab es noch ausreichend Kitaplätze und auch eine Menge Spielplätze, die nicht hoffnungslos überfüllt sind. Seit vier Jahren wohnen die drei jetzt im Komponistenviertel zwischen Berliner Allee, Indira-Gandhi-Straße und Jüdischem Friedhof. „Da ist es wunderschön, ganz viele Alleen, altes Kopfsteinpflaster und eine Menge Spielplätze“, schwärmt Hanna Hennenkemper und erschrickt selbst fast ein wenig über ihr Loblied auf Weißensee. „Das war mir gar nicht klar, aber ich habe tatsächlich viel Positives zu erzählen.“ Vor allem im Vergleich zum hippen Nachbarbezirk. „In Prenzlauer Berg hat man ja das Gefühl, es gibt keine Stammbevölkerung mehr, da sind mir zu viele Yuppies. Das Publikum ist hier normaler, näher am Leben dran. In Prenzlauer Berg ist ein Kind ja für mehr Geld angezogen, als ich im Monat verdiene. Die Kleinen müssen schon im Kindergarten Italienisch, Spanisch und Chinesisch lernen – das ist alles total abgehoben.“ Und dann sagt sie noch: „Ich kann es auch nicht mehr ertragen, dass Leute acht Stunden am Tag im Café rumsitzen.“

Hat Weißensee Hanna Hennenkemper verändert? Vielleicht. Sie sagt, man könne beobachten, dass immer mehr junge Familien und Künstlerfreunde nach Weißensee ziehen. Unangenehme Folge: Die Mieten sind in den letzten Jahren gestiegen, ein befreundetes Pärchen hat erst nach einem Dreivierteljahr eine geeignete Wohnung gefunden. Seit eineinhalb Jahren gibt es in der Nachbarschaft auch ein kleines Café. „Wenn das ,Mocca‘ nicht aufgemacht hätte, wären wir wahrscheinlich doch noch weggezogen“, sagt sie lachend. Nur was die Einkaufsmöglichkeiten betrifft, ist sie auf den Prenzlauer Berg ein bisschen neidisch: „Ein Café gleich neben dem Spielplatz wäre schon schön oder auch ein zweiter Bioladen.“ Eine Flaniermeile gibt’s hier nicht, aber immerhin machen immer mehr bunte Läden auf – etwa mit Secondhand-Mode. Na bitte: Eine kleine Welle schwappt rüber aus Prenzlauer Berg. River Tucker

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