Berlin : Da biegen sich die Balken

Die Stadtführung mit beschränkter Haftung: Auf Lügentour durch Kreuzberg, Mitte oder Neukölln

Christine Berger

In Kreuzberg wird an manchen Tagen gelogen, dass es nur so kracht. Zwei Mal im Monat trifft sich ein kleines Grüppchen am Kottbusser Tor. Alle haben dafür bezahlt, übers Ohr gehauen zu werden. „Lügentour“ heißt die Stadterkundung, die die Politologin Christa Saffrahn in Kreuzberg, Mitte und Neukölln anbietet. Auf der rund zweistündigen Tour durch die Stadtviertel werden Wahrheit, Mythen und Legenden so miteinander verwoben, dass kaum einer der Teilnehmer mehr überblicken kann, was wahr ist.

Gleich nach dem Start die erste Frage: „War dort, wo heute die Hochbahn fährt, früher ein Militärwall, damit die Soldaten nicht abhauen konnten? Oder eine Stadtmauer, oder beides? Die Teilnehmer schauen ratlos, kreuzen dann mögliche Antworten auf einem Fragebogen an. Am Ende der Tour folgt die Auflösung, und wer alles richtig angekreuzt hat, bekommt einen Preis. „Geschafft hat das aber noch keiner“, sagt die 41-jährige Lügentour-Führerin stolz.

Keine 50 Meter weiter ist der hässliche Betonbau des „Zentrum Kreuzberg“ Thema. „Wurde es gebaut, um als Lärmschutzwall für die Autobahn zu dienen?“ Ja, so erinnert man sich, damals in den 70ern sollte doch die Stadtautobahn hier entlangführen. Oder etwa doch nicht? Es geht weiter die Dresdner Straße entlang. „Oh, hier hat Ströbele ja sein Büro“, ruft eine ältere Dame. Der Neuberlinerin, die sich in Steglitz zur Ruhe gesetzt hat, gefällt es, dass es während der Tour zwar jede Menge Flunkerei gibt, aber auch viele Neuentdeckungen.

Gegenüber das Kino Babylon, daneben eine Kita. Beides sind Themen der Lügentour. War die Kita früher ein Parkhaus oder ein Begegnungszentrum für Alt und Jung? „In den 60er Jahren stand hier eine Synagoge“, sagt ein junger Mann im Vorübergehen, der ahnt, dass hier interessierte Menschen stehen. Saffrahn weiß leider nicht, ob der Mann Recht hat. Aber das ist bei der Lügentour ja nicht so schlimm. Nachschlagen kann man dann immer noch zu Hause.

Und dann kommen die Toilettenhäuschen. Im Hinterhof der Dresdener Straße 12 stehen sie noch im Original. „Anderthalb Zimmer pro Familie, das Klo auf dem Hof, daneben das Frischwasser“, lauten Saffrahns Stichworte zu den Verhältnissen im 19. Jahrhundert. „Aber die meisten hatten doch einen Eimer in der Wohnung“, versucht ein Teilnehmer die Lage etwas zu beschönigen. Dass der Mediziner Rudolf Virchow derjenige war, der Berlin als einer der ersten Städte in Europa 1855 zu einer Kanalisation verholfen hat, hält jeder für schlüssig.

Am Drachenbrunnen auf dem Oranienplatz wird die Lage dann wieder schwieriger. Die Gruppe wird mit der Aussage konfrontiert, dass sich im 18. Jahrhundert ringsum Hugenotten angesiedelt hatten. „Der Brunnen wurde nach dem wütenden französischen Herrscher Dragon benannt“, berichtet Saffrahn. Wahr oder falsch? Die Erwachsenen schauen ratlos. Weiter geht’s zum Engelbecken, an dem früher die Mauer stand. Ob die West-Häuser direkt an der Grenze Strom und Wasser aus dem Osten bekamen, ist die Frage. Und ob immer extra DDR-Handwerker anrücken mussten, um Reparaturen auszuführen? Möglich ist es, wie so vieles in der Stadt. Zum Beispiel, dass im Bethanienkrankenhaus, wo heute die Künstler arbeiten, Theodor Fontane Krankenschwestern ausgebildet hat. „Sein Vater wollte, dass er was Ordentliches lernt“, erklärt die Stadtführerin und grinst verschmitzt. Tja, so könnte es gewesen sein. Die ältere Dame aus Steglitz jedenfalls ist sich sicher, denn sie kennt sich aus mit Fontane. Also schreiben alle fleißig von ihr ab und kreuzen an der – vermeintlich? – richtigen Stelle an.

Dass die Thomas-Kirche im Volksmund „Jottes Zylinder“ genannt wurde, ist dann schon wieder so eine Sache. Und ob der Wirt im Ballhaus Naunystraße vor hundert Jahren aus lauter Verzweiflung ein Alkoholverbot ausgesprochen hat, damit die Betrunkenen ihm nicht immer die Gaststätte kurz und klein schlagen? Am Ende sind alle schlauer. Gewonnen hat jedoch keiner. Immerhin gibt es einen Müsliriegel für die höchste Zahl an richtigen Antworten. Und eine Menge Wissen über den Kiez.

Lügentour in Kreuzberg, jeder 2. und 4. Sonnabend im Monat um 14 Uhr, Treffpunkt ist die Wilhelm-Liebknecht-Bibliothek am Kottbusser Tor. Informationen zu weiteren Touren – auch durch Mitte und Neukölln – sind unter www.luegentour.de oder Tel. 0179/920 44 59 erhältlich.

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