Berlin : Da bleibt die Kirche noch im Dorf

Berlin präsentiert auf der Grünen Woche keine Kühe oder Schafe, aber dafür die letzte ländliche Idylle in der Stadt: Lübars

Maxi Leinkauf

Vor einer grünen Litfasssäule, irgendwo zwischen Hessen und Sachsen, spielt ein Altberliner Trachtenpärchen auf seinem Leierkasten. Hinter ihnen ruht ein riesiger, frisch geputzter Traktor. In Halle 21b präsentierte sich gestern Berlin auf dem traditionellen Ländertag der Grünen Woche. An diesem Stand waren keine Kühe und auch kein frischer Käse zu finden. Dafür aber mit Lübars, dem Dorf im Bezirk Reinickendorf, ein Rest ländlichen Berliner Lebens.

1997 wurde das im Norden Berlins liegende Lübars 750 Jahre alt. „Wir sind mit acht Bauern das einzige lebende Dorf in Berlin“, sagt der Landwirt Detlef Leidner.

„Mittlerweile leben die meisten Bauern hier von Pensionspferdehaltung und Getreideanbau“, sagt der 40-jährige Leidner. Das bedeutet, dass Berliner Pferdebesitzer ihre Pferde in das Rundlingsdorf –eine um die Kirche herum erbaute Siedlung – bringen und sie dort füttern und betreuen lassen. „Wir bauen Getreide an, Raps und Heu“, so Leidner. In manchen der fünf Reithallen werden auch Ponys für den Turniersport trainiert.

Auch Harald Wolf, dem Berliner Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen ist Landwirtschaft „nicht gänzlich fremd“, wie er sagte. Immerhin sei er zuständig für insgesamt 6000 Milchkühe in Berlin, sagte er gestern auf der Bühne der Länderschau. In der Stadt gäbe es 39 Einzelbauern, die noch wirtschaften. Die meisten liegen in der Gegend um das Tegeler Fließ, die wegen Wasser und guter Luft bei Touristen aus der Stadt sehr beliebt ist. „Lübars zeigt, dass Großstadt und ländliches Leben nebeneinander funktionieren können“, so Wolf. Das läuft jedoch nicht immer so reibungslos ab, wie der Senator annimmt.

Denn Städter können sich, so sehen es die Bauern, nicht benehmen. „In unser Dorf kommen ja täglich dreißig bis vierzig Berliner und bringen ihre Hunde mit. Die Tiere verrichten ihre Notdurft und verschmutzen unser Dorf. Dafür haben die Berliner kein Verständnis, das muss sich ändern“, sagt Axel Gericke von der Fachgruppe Berliner Landwirtschaft an der Humboldt-Universität.

Um die Stimmung aufzulockern spielten anschließend die Bläser der Hartmut-Kupka-Band in echten blau-roten Uniformen aus dem 19. Jahrhundert, dann sangen der Kinderchor und das Singensemble der ökumenischen Kirchengemeinde, die aus Evangelen und Katholen besteht.

Berlin ist auf der Grünen Woche bestens vertreten, beispielsweise durch Axel Luther. Der stattliche Dorfpfarrer gibt dem denkmalgeschützten Lübars seit 33 Jahren seinen Segen. „Wir haben die Schule, den Schützenverein und sogar einen richtigen Fleischer. Unser Dorf lebt“, sagt er stolz. Luther (Namensvetter des großen Reformators) predigt nicht nur, er ist auch der Seelsorger im Dorf. Weil jeder ihn kennt und ihm vertraut. „Ich hab sie alle konfirmiert, dann getraut, dann die Kinder getauft.“ Zerstrittene Ehepaare würden ihn daher manchmal als „neutralen Gesprächspartner“ zu sich bitten. Für wirklich „delikate Dinge“ hingegen fühlt sich des Pfarrers Frau, die Gemeindeschwester, zuständig. Manchmal klopfen auch Fremde an. „Am ersten Weihnachtsfeiertag war ein Rollstuhlfahrer vor meiner Tür. Er wollte Geld.“ Er bekam es. Andere verweist er an Vereine, die helfen können.

Nebenbei ist Axel Luther noch im Schützenverein und kümmert sich um die 20 Hektar verpachtetes Kirchenland. Und jeder im Dorf unterstützt ihn bei seinen Aufgaben, wie vor 20 Jahren, als er eine Friedensbrücke mit dem benachbarten Polen organisierte. In einem anderen Umfeld zu leben, kann sich der Theologe nicht vorstellen. „Ich bin in einer ausgesprochen glücklichen Situation“, sagt er.

Menschen in schwierigen Lebenssituationen will auch Gertrud Mager, die Leierkastenfrau, helfen. Sie betreut in Lübars den „Kräuterhof“– eine Arbeitsstätte für behinderte Menschen. „Es ist der einzige landwirtschaftliche Betrieb. Die Behinderten bauen dort Gemüse, Obst und Kräuter an“, sagt Mager. Um Geld zu verdienen, müssen sie ihre Produkte dann auch im Dorf verkaufen, der Umsatz ist ihr Lohn. Der Senat unterstützt diese Arbeit, er bezahlt dort die Gruppenleiter. Lübars will nun höher hinaus. Das Dorf nimmt an dem bundesweiten Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teil. Mit guten Chancen: Bundespräsident Johannes Rau hat schon eine Lübarser Erntekrone in seinem Büro im Schloss Bellevue.

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